Köln, oder: Über lüsterne Altherrenfantasien

Von Magazincovern strahlen sie uns entgegen: schwarze Hände, die die rein weiße Haut der rein deutschen Frau berühren und wie ein schwarzes Loch, ein schwarzes Nichts die weiße Frau verschlingen.

Straßenkriminalität, Raub und sexueller Missbrauch. In Köln fielen sie zusammen. Das ist eine neue Variante des Frauenraubs, und scheint doch dessen uraltes Muster zu erfüllen: Der Fremde kommt und raubt die Frau. Dieser Frauenraub, er ist ja nur ein Euphemismus für Vergewaltigung. Die Ereignisse von Köln fallen also auf einen mythologisch bereiteten Boden. Umso größer die Gefühlsaufwallungen.

 

Immerhin legte einst der Raub der Sabinerinnen den Grundstein für die Gründung Roms. Köln mag daher ein Fanal sein für diejenigen, die die deutsche Kultur ohnehin wahlweise vom Untergang oder von der Vernichtung bedroht sehen. Für jene Botho Straußens und die anderen weißen alten Männer, die in dem fremden, virilen jungen Mann nicht nur eine kulturelle Bedrohung sehen. So vermischen sich Décadence-Wehklagen und sexuelle Altherrenfantasien zu einer Untergangsfantastik, in der der ultimative Endkampf der Kulturen auf dem Körper der Frau, horribile dictu: im Körper der Frau ausgetragen wird.


Als seien die tatsächlichen Ereignisse von Köln nicht schlimm genug, schwellen sie in den, über soziale Netzwerke verbreiteten Herrenfantasien zu ungeheuren Gräueltaten des schwarzen Mannes an der weißen Frau heran. Es sind die Fantasien der Herren, die, was Frauen anbelangt, ohnehin häufig zu kurz kommen: Die zu alten, die zu wenig erfolgreichen, die dumpfen, die wütenden Männer. Oder aber jene Männer, die sich verzweifelt an althergebrachte kulturelle Muster klammern. Jene schläfenergrauten Herren, die auf Social Media Profilbildern junge Schönheiten im Arm halten. Diese sind sehr blond, sehr sittsam, genau die jungen Blondfrauen, die vor dem bösen schwarzen Mann beschützt werden sollen.

 

Der ist „bekanntermaßen“ dauergeil, und natürlich gut ausgestattet (du weißt schon, hm hm?), eine Bedrohung also für den nicht mehr ganz taufrischen deutschen Altmann, der seine junge Frau eher weniger seiner Attraktivität zu verdanken hat. Gift und Galle spuckt beim Betrachten der abendlichen Nachrichten angesichts der deftig beschriebenen Kölner Straßenszenen.

 

Dass die Opfer die Finger der Fremden bald hier, bald dort, bald in jeder Körperöffnung spürten, erfahren wir in plastischen Schilderungen. Die Öffentlichkeit habe ein Recht darauf, vollständig informiert zu werden, sagt der weiße Mann, und beklagt doch die systematische Desinformation. Er schäumt vor Wut, die Gischt steht ihm schon in den Mundwinkeln. Nur ist nicht ganz klar, ob es tatsächlich die Wut bis zur Tollheit ist. Vielleicht auch nur seniles Sabbern.


Im Live-Ticker-Takt werden neue Ungeheuerlichkeiten bekannt; immer höhere Zahlen, immer drastischere Schilderungen. Schon hört man erste Aufrufe zur Selbstjustiz mit Baseballschlägern. Kollektivstrafe für Kollektivtäter. Für den wütenden Weißherren-Mob im Netz gibt es hier nur eine Lösung: Die Grapscher müssen fort! Eigentlich hätte man sie ja nie hineinlassen dürfen. Das Grapschen möge doch bitteschön dem weißen Manne vorbehalten bleiben.

 

Man muss diesen Gedanken ganz konsequent zu Ende denken: Die nächste Vergewaltigung durch einen „Biodeutschen“, einen Blut- und Boden-Deutschen also, die muss ähnlich kollektiv geahndet werden. Prophylaktisch lege man dann jedem deutschen Mann eine Fußfessel an. Es geht ja um die schützenswerte deutsche Frau!


Blondierte Damsel in Distress


Jedes Jahrzehnt hat ja so seine Ängste und Schutzwünsche: Mal musste man den deutschen Wald retten, mal das Ozonloch, nun eben deutsche Damen. Die Damsel in Distress, sie ist ja eine beliebte Fantasie, auch im Porno. Der heldenhafte Mann rettet die schwache, schutzlose Frau aus der rauhändigen Umklammerung des raubenden Mannes. Wer soll es auch sonst tun?

 

Schon hörte man, der Feminismus habe die schändlichen Taten nicht eindeutig genug geächtet, zu lange sei der zuvor verspottete #Aufschrei ausgeblieben. Im Ernstfall ist auf den Feminismus also doch kein Verlass, will der weiße Mann der weißen Frau zuraunen. Verlass dich lieber auf uns. Es ist am weißen Mann, die verlorene Ehre der blonden Frau wiederherzustellen. Wer kann es auch sonst verteidigen, das deutsche Weib? Polizei und Politik versagen doch. Und Merkel ist sowieso schuld. Natürlich, lieferte sie doch die blondbezopften deutschen Mädels den wilden Horden aus Süd-, Nah- und Mittelost aus.


Moment, Moment: der weiße Mann? Der ist doch längst ausgestorben, mumifiziert, nicht wahr? Kommt er überhaupt noch in Frage als Prinz in schimmernder Rüstung? Dafür ist er, der gezähmte, etwas zu gemütliche, wohlstandsbebauchte Herr natürlich ein bisschen zu alt, er hat zu viele Zipperl, selbst kann er die deutsche Frau nicht beschützen, auch nicht mithilfe des verlängerten Arms des Gesetzes. Dazu müssen andere weiße Männer her. Solche, die Erfahrung haben mit dem Schutz von Frauen.

 

Zuhälter und Rockerbanden zum Beispiel, die sich mithilfe von Facebook bereits zur Verteidigung der Ehre der deutschen Frau verabreden, wenn sie nicht gerade ukrainische Prostituierte – nun ja - beschützen. Diese Allianz auf jeden Fall ergibt Sinn, hat man doch zwei gemeinsame Hauptfeinde: Den fremden Mann und die vor allem sexuell selbstbestimmte Frau. Da mischt sich fröhlich der Altherren-Kolonialismus mit Antifeminismus.

 

Der Feminismus hat dem weißen Mann die Frau ja schon einmal geraubt! Indem er seinem lieben holden Weibe die Ehrfurcht und Duldsamkeit austrieb, und ihr noch dazu allen Ernstes das Recht zur Verfügung über den eigenen Körper einflüsterte. Selbst Altherrenwitze gelten ja nun schon als sexuelle Belästigung, wo sollen wir mit dieser political correctness nur noch hinkommen? Und, auch das mag Teil der Angstlust-Fantasien der alten weißen Herren sein: Wurde dem weißen Mann das Machismo nicht gründlich ausgetrieben? Darf der Fremde hier womöglich ausleben, was ihm, dem BioBio-Deutschen, gründlich aberzogen wurde? Und das auch noch behördlich geduldet?

 

Der Hass auf den fremden Mann lässt sich nur erklären als das Ergebnis einer Projektion: Jeder dunkle Gedanke, jede schmutzige Begierde wird auf den Fremden übertragen. Je dunkler die Machenschaften des anderen, desto glanzvoller erscheint der deutsche Retter der guten Sitten und der Moral. Dabei exerzieren jene patriarchalen Gesellschaften der Fremden an der Frau doch nur durch, was so mancher deutscher Herr hierzulande auch gern praktizieren würde.


Der Altherrenaufschrei nach Köln ist nur eine Schutzhülle, die verkleiden soll, dass die größte Macht die gesellschaftliche Verfügungsgewalt über weibliche Sexualität und den weiblichen Körper ist. Die Täter von Köln und Hamburg haben diese Sexualität unmittelbar attackiert. Auch weil sie instinktiv verstehen, dass der liberale Gebrauch der eigenen Lust, das Bestimmen über den eigenen Körper und das Recht auf dessen Unversehrtheit die höchsten Werte der westlichen liberalen Kulturen, auch und vor allem für Frauen sind.

 

Ihre angeblichen Verteidiger machen sie zum Mittel und Zweck eines verborgenen Feldzuges gegen den schwarzen Mann. Kolonialismus, der sich gleichermaßen auf die Körper der weißen Frau und des schwarzen Mannes erstreckt: Nicht zufällig fantasierte Freud die Frau als dunklen Kontinent. Die Unterwerfung des dunklen Kontinents ist die historische „Leistung“ des weißen Mannes.


Unterwerfung, Unterwerfung…


Nicht zufällig unterwirft sich der weiße Mann in der schwer dekadenten französischen Gesellschaft in Houellebecqs Roman Unterwerfung nur allzu eilfertig der Scharia: Erlaubt sie ihm doch die Unterwerfung der Frau inklusive der Vielehe und absoluter sexueller Kontrolle. Back to the roots! Zu den patriarchalen Wurzeln, versteht sich. Die alte Hierarchie ist wiederhergestellt.

 

Was schmerzt die Unterwerfung unter das Gesetz des Islam, wenn jeder gerontische Altmann am Ende ein hübsches junges Ding abbekommt, oder zwei, oder drei? Houellebecqs Roman Alter Ego, das sich lustvoll das Ar***loch von einer jungen Studentin lecken lässt – ein Fantasiedauerbrenner der französischen Literatur seit dem Marquis de Sade, wie mir scheint – es ist die Totalverfügungsfantasie des alten weißen Mannes über den weiblichen Körper. Sadomaso für alle, denn zum Sub gehört der Dom, zum Unterworfenen der Unterwerfende. So zeichnet die Paarbeziehung den Unterwerfungsakt im Staate nach, nur ganz unten in der Kette steht eben die Frau.

 

In der Houellebecq'schen Romanwelt hat die junge Gespielin finger- und mundfertig wie eine Professionelle zu sein, um den alten Acker des Mannes ein letztes Mal bestellen zu können. Die junge blonde Frau gehört auf die Knie. Deswegen kann der Professor bei Houellebecq auf die mittelalte Frau der Intellektuellenwelt, die mit Reizen geizt und vieles tut, wohl aber nicht Professoren das Ar***loch schleckt, auch nur mit Verachtung herabblicken.


Der Roman führt es ja vor: Kaum wird die Akademikerin aus der Uni verbannt, wird sie wieder zur weiblichen Frau und kehrt an den heimischen Herd zurück, wo sie so furchtbar leckere Saubohnen mit Parmesan – Parmesan! – obendrauf kocht, dass dem weißen Mann Augen und Ohren vergehen.

 

Saubohnen! Die Bohnen passen ganz vorzüglich zum Lamm, ganz sicher geschächtet, aber was nimmt man nicht alles hin, für die Wiederherstellung der sexuellen Verfügungsgewalt über die hübsche blonde Frau. Vielleicht täte dem ein oder anderen vor Wut schäumenden, nicht ganz koscheren Biodeutschen so eine Portion Saubohnen doch ganz gut. Zur Beruhigung des Gemüts.

 

Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht auf jetzt.de