Wie der Computer die Frau löschte

Die Geschichte wird von Siegern geschrieben. Das ist eine Binsenweisheit und bleibt doch eine Weisheit.

 

Die Frau wurde immer wieder aus der Geschichte getilgt. Durchgestrichen. Nachträglich musste die Frau ihr wieder eingeschrieben werden. Mühsam sicherte der Feminismus die archäologischen Artefakte der gar nicht allzu lang vergangenen Vergangenheit: Die Texte, die Fragmente, die Tagebücher der Philosophinnen, Wissenschaftlerinnen, Dichterinnen und Denkerinnen. Aber immerhin: Es gab sie, die Artefakte, die gespeicherten Stimmen, die geschriebenen Worte, vorhandene Bruchstücke, auf denen eine neu geschriebene Geschichte aufbauen konnte, sich vergessene Geschichte rekonstruieren ließ.

 

Die Durchstreichung wurde gelöscht. Die Frau wiederhergestellt.

 

Aber diesmal wird alles anders sein. Denn wenn wir nicht aufpassen – und vielleicht ist es längst zu spät – werden wir Frauen gar nicht erst Spuren auf den Festplatten, in den Clouds und Knotenpunkten hinterlassen.

Wo immer Technologien unsere Lebens- und Denkweise revolutionieren, indem sie als Neuheit die Weltbühne betreten, bilden sie neue Nischen, die es zu besetzen gilt. Deswegen konnten neue Technologien historisch gesehen immer wieder zu Aktionsfeldern für Frauen werden. Die Stenotypistin und Sekretärin ersetzte den männlichen Sekretär, der sorgfältig im handschriftlichen Schreiben geschult worden war. Als die ersten Typewriter - die Schreibmaschinen also - auf den Markt kamen, gab es schlicht niemanden, der sie „professionell“ bedienen konnte.

 

Die ersten Sekretärinnen – denn rasch wurde die Schreibmaschine zum Handwerkszeug der Frau – mussten sich das Tippen selbst beibringen. Wer es zu 120 Anschlägen pro Minute brachte, der hatte das Schreiben erfolgreich automatisiert – und den Sekretär mit seiner mühsamen Handschrift überflüssig gemacht. Der konnte nur befremdet die Automaten-Frau betrachten.

 

Das neue Feld, das die Schreibmaschine eröffnete, war noch unbesetzt – praktisch und geschlechtlich. Und bot deswegen eine Nische für Frauen und ihre Einschreibung. Frauen eroberten diese Nische, als Sekretärin, als Vorzimmerdame, als eine beinahe mythische Figur zwischen ergebener Dienstbarkeit und wirklicher Macht: Denn die Vorzimmerdame entscheidet darüber, wer bis zu den Mächtigen vorgelassen wird. Sie kontrolliert den Herrendiskurs, um es mit Kittler zu sagen.

 

Die Schreibmaschine als Mittel der Bürokratisierung ermöglichte die Egalisierung der Geschlechter. Aber die wurde rasch ausradiert: Denn die Sekretärin galt dem Volksmund rasch als "Tippse".

 

Nicht anders verhielt es sich mit der Fotografie. Die musste hartnäckig für ihre Anerkennung als Kunst kämpfen. Solange sie als ein „automatisiertes“ Handwerk galt, man in der Vorstellung des Nicht-Fotografen also nur einen Knopf zu drücken brauchte und der Kasten den ganzen Rest machte: solange konnten Frauen das Medium der Fotografie unbedarft erobern und sich zum Beispiel als Porträtfotografin selbstständig machen. Erst als die Fotografie vollständig als Kunst anerkannt war, wurde sie – nachträglich – zur Sache der Männer gemacht. Die zahlreichen Fotografinnen aus ihrer Geschichte getilgt. Durchgestrichen. Gelöscht. Die eben erst ausgefüllten Nischen wurden bereinigt. Alles fügte sich wieder in das alte Machtschema.

 

Nirgends aber wird das deutlicher, als bei der Computer- und Informationstechnologie. Die war in ihrer Frühzeit voll von Pionierinnen. Gerade erst werden sie wiederentdeckt. Die Mathematikerin Ada Lovelace schrieb im 19. Jahrhundert den ersten „Computer“-Algorithmus für den (nie fertiggestellten) mechanischen Computer des Mathematikers und Erfinders Charles Babbage. Die erste Programmiererin war also eine Frau.

 

Die Schauspielerin Hedy Lamarr erfand das Frequenzsprungverfahren, das u.a. die Grundlage für moderne Bluetooth-Verbindungen bildet. Lamarrs Erfindung wurde nicht zufällig im Zweiten Weltkrieg zum Patent angemeldet. Im Krieg, der die Männer auslöschte, blieb Raum für die Einschreibung der Frauen. Das wurde nach dem Krieg schnell rückgängig gemacht.

 

Frauen wurden erfolgreich aus der Welt der Codes gelöscht, als hätten sie sich ihr nie eingeschrieben. Sie verschwanden gewissermaßen hinter den Programmen. Schlimmer noch: Die Programme, die die Zukunft schreiben, haben ihre Mütter vergessen. Von den Frauen, die im legendären Bletchley Park Nazi Codes dechiffrierten, wird heute allenfalls noch Joan Clarke namentlich genannt. Alle anderen verschwanden im Nebel der Geschichte und werden wohl nie in die Clouds der Zukunft eingehen.

 

Und schon ist sie weg.

 

Die frühen Computer-Pionierinnen hatten die Nischen erobern können, weil überhaupt erst wenige Menschen sich mit den Problemen von algorithmenbasierten Maschinen, von Codes und Programmiersprachen befassten. Hinzu kam: Der Typewriter gehörte ja bereits in der Sphäre der Frau, war in fester Hand der Sekretärin. Lag es da nicht nahe, dass Frauen Codes tippten? Der Computer mit seiner Trennung in Hard- und Software basierte in seiner soften Komponente auf dem Input der Frau, während das Verschalten der Walzen und Stecken der physisch manifesten Kabel in den Relais die Aufgabe der Männer war.

 

Männertechnik, Frauensprache. Im Neuen manifestierte sich das Alte. Ein Paradoxon! Weil das Coding in die Sphäre der Frau zu fallen schien, konnten sie diese neue Aufgabe übernehmen. Sobald aber die Kriegs- und Informationstechnologie nicht mehr auf die Software verzichten konnte, musste sie den weichen Händen der Frau entwunden werden. Die Informatik ist heute eine Männerdomäne, und sie ist es- wie diese Pionierinnen zeigen – nicht deshalb, weil das weibliche Gehirn nicht geschaffen wäre für das Denken in abstrakter Computerlogik.

 

 

Als 1953 der erste Computer gebaut wurde, finanzierte man ihn mit den Mitteln des militärisch-informationellen Komplexes. Militär und Mathematik verschalteten sich und stellten sicher, dass Frauen den Männercode nicht knackten. 1953 stand die neue Teilung der Welt in Mann und Frau fest: Die Frauen hüteten wieder das Heim; die Männer den Computer.

 

Geschichte wiederholt sich.

 

Wenn wir McLuhans Diktum „The medium is the message“ ernst nehmen, wenn wir also glauben – und wir haben allen Grund dazu – dass Technologien unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit grundlegend beeinflussen, dass sie unser Denken prägen, dann müssten wir alles dafür tun, die Frau diesen Technologien erneut einzuschreiben. Bei allen Bemühungen des Feminismus, die Frau vom Heim loszulösen und der Geschichte wieder einzuschreiben, gab es doch nie echte Bemühungen, die Frau in die Computertechnik zu reintegrieren.

 

Alle Bemühungen der Einschreibung der Frau in die Welt beruhten auf der Veränderung der Sprache, in der Annahme, Sprache konstruiere Wirklichkeit. Das ist nicht falsch, aber zu kurz gedacht. Viel wichtiger, als die Gender-Sternchen*** oder Striche_ in der Alltagssprache wären die ***** in den Programmiersprachen.

 

Dass wir die Welt der Programme den Männern überlassen haben, wird sich noch rächen. Nicht, weil die Männer schlecht wären. Aber weil sie eben nur die Hälfte der Wirklichkeit repräsentieren. Mehr noch: Der schrullige, unsoziale Nerd-Mann, ist er nicht das hyperbolische Gegenbild zur „kommunikativen, integrierenden, sozial-kompetenten“ Überfrau in unseren feministischen Fantasien?

 

Der Nerd-Mann hat sich den Hyperraum erobert, nachdem die Frauen erfolgreich aus dem Computerolymp vertrieben wurden. Frauen bleiben gefangen in der Realität, die heute durch und durch von Computern bestimmt wird. So setzt sich das alte Spiel zwischen der Transzendenz des Künstler-Mannes und der Immanenz der Körper-Frau fort. Oder banal gesprochen: Von Platos Reich der Hyper-Ideen sehen wir Frauen nur die Fettspuren auf den Tastaturen der Nerds.

 

Wir Frauen haben es versäumt, uns in die immer neuen Codes einzuschreiben. Wie kaum eine andere Gruppe von Aktivistinnen nutzen Netzfeministen die sozialen Medien und Websites, die auf Codes basieren, die das patriarchale System geschrieben hat.

Während wir alles dafür tun, aus der binären Logik der Geschlechterverhältnisse auszubrechen, schreibt das Computersystem uns genau in jenen binären Denksphären fest:

Mit ******** werden wir den binären Code nicht überwinden. Weil uns die Sprache der Codes jener binären Zeichenwelt fremd ist, sind wir dem Code fremd. Weil wir dem Code fremd sind, werden wir gelöscht. Als redundante Zeichen. Frau. Der unendliche Code ist der Mann.