Kirsche Kirche Kontrabass

Es ist schwierig, jemanden zu lieben, der nicht die gleiche Sprache spricht. Ich begreife plötzlich, dass ich mit J nur in einer fremden Sprache sprechen kann. Wenn wir sprechen, dann in etwas, das ihm gehört. Ich weiß, dass ich anders spreche, wenn ich seine Sprache benutze. Sie wird, egal wie gut ich sie beherrsche, nie meine Sprache sein wird. Beherrschen... das klingt gewaltvoll. Man kann sich eine fremde Sprache aneignen, aber ist man dann auch in ihr zu Hause?

J spricht meinen Namen aus, der mir auf schöne Art fremd ist, wenn er ihn im Mund führt. Kein langes eee. Er sagt Marlenne, dem letzten n schwingt ein Hauch von einem französisch klingendem e nach, ganz dezent. Mir gefällt, wie weich mein Name in seinem Mund klingt und wie vorsichtig er ihn ausspricht. Seine Stimme klingt tief und warm wie sein Kontrabass, und sie verwandelt die Bedeutung des Namens, den er mir gibt.

J und ich spazieren über die Augustusbrücke in Richtung der Hofkirche. Scharen von Touristen strömen uns entgegen. Eine Kakophonie aus Sprachen. Japanisch und Französisch, Englisch und Polnisch. Er bekommt langsam Hunger.

 

- Let’s have some food. What’s ‚brunch‘ in German?, fragt er.

 

Brunch, sage ich.

 

Es wäre wohl nicht einfach, ein Wort aus den Begriffen Frühstück und Mittagessen zusammenzusetzen.

 

Try to make a word out of that!

 

- German is so difficult, meint er.

 

Maybe. Dunno. You just have to learn it, I guess.

 

- Something’s confusing me, sagt er. The German words for ‘church’ and ‘cherry’.

 

Kirsche und Kirche

 

- Yeahhh

 

Er versucht, die Wörter nachzusprechen.

 

Kirsche

 

Kirche

 

Für ihn klingen die beiden Wörter gleich. Ich spreche sie ihm vor, immer und immer wieder. Kirsche, Kirche, Kirsche, Kirche. Ich lege meine Finger an die Stelle an seinen Kiefer, wo das ch spürbar wird. Ich zeige mit meinen Fingern auf meinen Mund, während Zunge und Lippen das sch formen. Er hängt an meinen Lippen und spricht nach

 

Kirsche

 

Kirche

 

Er beginnt, Wörter zu sammeln. Ich versuche, sie überdeutlich auszusprechen, während er die Wörter, die ich ihm vorspreche, in seinem Mund hin und her bewegt. Er schmeckt sie. Manchmal kaut er sie durch. Wir üben die Aussprache. Da ist das deutsche ach wie ich Achtung und das volle sch wie in Kühlschrank. Ich rede mit ihm wie eine Mutter, die ihr Kind von der Sprache kosten lässt, Stück für Stück, vorsichtig, in mundgerechte Happen unterteilt. Ich will, dass er meine Sprache spricht, mit ihr vertraut wird. Ich möchte ihm alle Wörter beibringen, eine ganze Sprache. Meine Sprache.