Kafka beim Spülen

Es ist nach zehn abends und ich stehe in meiner Küche. Lausche einem Hörspiel im Radio und spüle das Geschirr. Die Stimmen fliegen über meinen Kopf hinweg, während ich den Schwamm in die Gläser tauche. Der immer gleiche Ablauf. Spülmittel auf den Schwamm, Schwamm quetschen, aufschäumen, hinein ins Glas, zwei drei viermal. Ausspülen. Fertig.

 

 

Man kann sich Franz Kafka nicht beim Geschirrspülen vorstellen. Auch nicht Hunter S. Thompson. Man kann sich Doris Lessing beim Spülen vorstellen, muss es sogar. Vielleicht sogar Simone de Beauvoir. Einmal schreibe ich auf Facebook, dass ich nie einen Roman fertig schreiben werde. Weil die Wäsche wartet, jeden Tag, und der Abwasch. Viel Beifall von meinen Freundinnen. Sie alle wissen, dass der endlose Alltag Energien und Zeit frisst; aber sie alle nehmen es in Kauf. Es geht ja nicht anders. Das ist halt so im Leben einer Frau. Kein Mann schreibt über das verdammte Geschirrspülen und niemals würde es ihn vom Schreiben abhalten. Oder dem Leben. Überhaupt käme er nie auf die Idee, über die Alltagsarbeiten zu schreiben. Wäsche waschen, spülen, staubsaugen. Die Ironie ist, dass von all der verschwendeten Zeit, dass von allem, was man macht, nichts übrig bleibt.

 

Es ist ja nicht die endlose Monotonie: Denn Monotonie gehört zum Leben. Es ist die Zeit, die jeden Tag damit vergeht, die monotonen Dinge des Lebens zu erledigen. Das Gefühl, dass die Zeit unwiederbringlich durch die Hände rinnt. Das Gefühl, dass jede Produktivität versiegen könnte. Oder soll man doch auf ein Alterswerk hoffen? Aber das Geschirr wird auch dann gespült werden müssen.