Christoph

 

Meine Fingerkuppen wandern über seine Haut. Er schnurrt wie eine Katze. Ein tiefes, langgezogenes sanftes Knurren. Das tut er immer, wenn ich ihn so berühre. Er seufzt. Ich liebe es, wenn du das machst, sagt er. Er sagt es immer, wenn ich das mache. Ich grabe meine Nägel in seine Haut. Sie bleiben hängen an den winzigen weißen Hautzysten, die seine Schultern bedecken. Ich kratze daran. Sein Schnurren wird lauter.

 

Unter meinen Fingern lösen sich die Unebenheiten. Seine Haut rötet sich, wird wund. Er murrt kurz auf.

 

Meine Fingerkuppen wandern weiter, springen von den Schulterblättern zu seiner Wirbelsäule. Bis zu jener Stelle, die ganz und gar unnatürlich gekrümmt ist. Sein wunder Punkt, der kleine Buckel kurz unterhalb seiner Schulterblätter. Meine Finger wandern weiter. Ich prüfe das gebogene Rückgrat, drücke meinen Daumen gegen die Wirbelkörper.

 

Wirbel um Wirbel taste ich ab, folge ihnen hinab bis zu seinem Steißbein. Dann schiebt sich meine Hand über seinen Hüftknochen, erreicht seinen Bauchnabel. Ich presse mein Becken gegen seinen Steiß. Er seufzt, atmet schwer. Ich warte ab, bis sein Atem sich beruhigt. Bis aus dem sanften Schnurren ein sonorer Atemfluss wird. Meine Lippen berühren seinen Nacken.

 

Ich beginne, die Sommersprossen auf seiner Schulter zu zählen. Bei 97 gebe ich auf. Wie es wohl wäre, die Sprossen von seinen Schultern lösen zu können? Seine Haut um meine Schultern legen zu können? In hunderte, tausende Sprossen gehüllt zu sein, in ein Kleid aus Pigment und Leere.

 

Sein Atem geht nun ganz ruhig. Er seufzt sanft im Schlaf.

 

Da stehe ich auf. Es ist kalt geworden im Zimmer, und durch das offene Fenster hindurch trägt der Wind die Stimmen spielender Kinder ins Zimmer. Ich presse meine Hände gegen das Fenster, es klemmt, ich muss mich dagegenstemmen, bis das Fenster endlich nachgibt und mit einem heftigen Ruck in den Rahmen springt. Für einen Moment erhasche ich den Blick eines spielenden Kindes. Der Junge grinst, schaut auf meine blanken Brustwarzen, die sich gegen die Eisblumen am Fenster aufstellen.

 

Der wässrig-graue Himmel raubt dem Zimmer jede Farbe. Ich versuche, das Feuer im Ofen anzuheizen. Nur eine Hand voll Scheite liegt noch in dem kleinen Zinkeimer, der neben dem Ofen steht. Ich müsste hinunterlaufen in den Keller, müsste Holz und Kohlen holen. Aber dafür müsste ich mich anziehen.

 

Das Quietschen der Ofentür lässt Christophs Augenlider flackern.

 

 

- Kommst du nicht zurück ins Bett?

 

Ich feuere den Ofen an.

 

- Komm zurück ins Bett.

 

Ich zucke die Schultern und steige ins Bett, lege mich an seine Seite, knöpfe das Hemd auf. Er schiebt seinen Kopf zwischen meine Brüste. Seine Hand tastet sich blind zu meinem Gesicht hinauf.

 

- Du riechst so gut.

 

Wie ein Säugling liegt er da, noch blind, ganz und gar Tier, nur mit Geruchssinn ausgestattet. Tastend, fühlend. Meine Hände fahren durch sein kurzes blondes Haar, das sich trocken anfühlt und rau, wie seine Haut. Ich schließe meine Augen. Nur noch ein wenig schlafen […]