Die Buchleserin

Man kann das gedruckte Buch für vieles lieben; am meisten aber muss man es für den Hauch von Geist, den es in uns eindringen lässt, lieben. Und der Geist kommt über den Lesenden, wie das Kind zur Jungfrau: Entfaltet das Buch erst einmal seine Seiten, wie der Heilige Geist seine Flügel als Täubchen spreizt, dann ist kein Verstand mehr sicher. Das gab den Intellektuellen schon früh zu denken. Kaum hatte die Alphabetisierung eine kritische Masse von Lesenden erzeugt, verbreitete sich ein Unbehagen gegen die Viellesenden, vor allem die viellesenden Frauen. Noch bevor es Diätbücher mit Anleitung zur Verschlankung der Taille gab, kreierte das 18. Jahrhundert eine Diätetik des Geistes. Vor allem Frauen wurde der Genuss von Büchern nur in kleinen Dosen empfohlen. Denn: Lesende Frauen neigen bekanntermaßen zur Vernachlässigung ihrer Pflichten. So etwas musste schon im Ansatz unterbunden werden.

 

Zugleich erzeugte die Forderung nach lesender Zurückhaltung und zurückgehaltenem Lesen einen bürgerlichen Nebenwiderspruch: Denn der Lesende war und ist zumeist weiblich, also eine Lesende; bis heute lesen Frauen mehr, intensiver, häufiger als Männer. Sie ist also Konsumentin der bürgerlichen Buchproduktion, sie ist Käuferin, er freilich viel zu oft der Produzent. Das hat er sich fein ausgedacht: Die Frauen mit imaginären Welten zu verführen und sie dann, im gleich angeschlossenen Herrendiskurs, sogleich für ihre Lesesucht zu diskreditieren. Ihrer als Konsumentin zu bedürfen und Bücher, scheinbar, nach ihren Bedürfnissen zu produzieren, und sie dann für ihren schlechten Geschmack zu kritisieren.

Die eigentlichen Opfer des Buches aber sind nicht die Frauen. Es sind, wie immer, die Männer. Denn nur folgerichtig wirkt ein Mann aus Fleisch und Blut, verglichen mit den romantischen Helden zwischen den Buchseiten, nun ja, etwas papiern. Ein Trost aber bleibt dem Mann: In Wirklichkeit wäre ja kein Leben zu machen mit den erotischen Don Juans; in Wirklichkeit brauchen wir dröge Herren wie Charles Bovary. Etwas Nüchternheit tut, bei aller Buchliebe, doch gut. Denn Lesen verdirbt den Realitätssinn und deformiert die Erwartungen an die Wirklichkeit.

 

Dass das Imaginäre immer den Sieg gegen das Reale davonträgt, dürfte ganz klar sein. Erotische Verirrungen bleiben da nicht aus. Denn wo frau viele Stunden mit den Büchern im Bett oder auf der Chaise Longue zubringt, darf es nicht wunder nehmen, dass sie am Ende seitenweise seinen Liebreizen verfällt. Das Buch als imaginäres Double des Liebhabers, mit allen Qualitäten eines guten Mannes: Außen hart, innen weich, gut duftend, mit einer Kopfnote von Holz und einer Herznote von Leim. Wenn nicht gerade ein Mann an meiner Seite in meinem Bett liegt, dann belegt ein Stapel Bücher den freigewordenen Platz. Das ist nur halb so unbequem wie es klingt. Und im Bett hat noch kein Buch versagt.

 

Beim Gang durch die Buchhandlungen ertappe ich mich dabei, wie ich fremden Büchern zärtlich den Rücken streichle. Bei einem Mann wäre das bereits sexuelle Belästigung. Ein Buch aber toleriert Zudringlichkeit. Es will sich ja öffnen. Ein geliebtes Buch übrigens muss benutzt aussehen. Es muss die Spuren des Lesers tragen. Er muss sich dem Text einschreiben, sich ihm aufdrängen und ganz intim mit ihm werden. Jede Zeile kennenlernen. Jedes Wort, jeden Buchstaben. Wie der Haut des Geliebten muss man sich der Buchseite nähern, immer bereit, sich ihr einzuschreiben, so wie man Kratzspuren auf des Liebhabers Rücken hinterlässt. Nie aber sollte Alkohol den Weg der Buchseiten kreuzen, ein Frevler, der mehr Rausch benötigt, als es der betörende Duft des Buches bietet.