Magisches Denken

Magisches Denken gehört den Kindern. Es müsste aber eigentlich den Erwachsenen zugesprochen werden. Magisches Denken braucht man, um mit den Unwägbarkeiten des Lebens umgehen zu können. In The Year of Magical Thinking beschreibt Joan Didion den Trauerprozess nach dem Tod ihres Mannes. Das irrationale Denken, das die Trauernde ereilt. Die Unfähigkeit, das letzte Paar Schuhe des Mannes wegzugeben. Denn worin sollte er denn laufen, wenn er wiederkommt? Aber er kommt ja nicht wieder, das weiß sie ja. Er wird sie nicht mehr brauchen, ebenso wenig wie seine Augen, die für eine Organspende in Betracht kommen. Aber wie soll er denn ohne seine Augen sehen? Er kann nicht mehr sehen, wird nie wieder sehen. Aber das interessiert das magische Denken nicht. Das Seltsame daran ist, dass der Verstand weiß, dass der Mann weg ist, aber etwas in ihr will das nicht wahrhaben. Die Trauernde will nicht loslassen.

 

Der Mann stirbt. Oder der Mann geht einfach. Im Grunde gibt es gar keinen Unterschied zwischen einer Trennung und dem Tod eines Geliebten. Schock, Verleugnung, Verhandeln, Verzweiflung. Und dann? Dann müsste es irgendwann wieder bergauf gehen.

 

 

Ich nehme das Buch zur Hand, lese die erste Zeile, und muss es gleich wieder beiseitelegen.

 

Life changes fast

 

Sofort überkommt mich der Schmerz. Ich versuche es erneut, aber ich komme nicht viel weiter als bis zum nächsten Absatz. Wie lange darf man trauern darüber, dass sich das Leben so schnell ändern kann? Und dass all das, was man sich gewünscht hat, auf einmal weg ist? Es gibt jenen Punkt, an dem die Menschen im eigenen Umfeld genug haben von der Trauer. Man soll endlich über das Ereignis hinwegkommen. Beim Tod des Geliebten gibt es eine längere Gnadenfrist. Aber bei einer Trennung? Das Leben geht weiter, sagen die anderen. Oder: Du wirst ja einen anderen Mann finden. Und dann frage ich mich, ob sie das auch sagen würden, wenn mein Mann gestorben wäre. Aber er ist ja nicht tot, nur weg.

 

Dann ein unerhörter Gedanke. Wäre er doch lieber tot. Dann dürfte ich länger trauern. Ich bohre ihm in meiner Fantasie ein Messer in die Brust. Steche auf ihn ein. Das ist eine furchtbare Fantasie. Ich kann doch niemandem das Leben nehmen, nur weil er mich nicht lieben will. Das ist unanständig, aber bevor ich Scham deswegen empfinden kann, sage ich mir selbst, dass das nur die Wut ist, die Kränkung, und eine Kränkung ist umso größer, je intensiver zuvor die Liebe war. Ich darf jetzt nur nicht im Schmerz zergehen und muss das Buch wieder zur Hand nehmen. Weiterlesen. Das Leben geht weiter, so wie die Sätze.