Kindheitserinnerungen

Ich lese gerade Simone de Beauvoirs „Memoiren einer Tochter aus gutem Hause“. Im ersten Teil ihrer Biografie entfaltet sie Erinnerungen aus ihrer frühsten Kindheit. Ich werde sehr neidisch, weil ich überhaupt keine Erinnerungen an meine früheste Kindheit besitze. Alles, was ich aus dieser Zeit weiß, wurde mir von meiner Mutter oder meinen Geschwistern erzählt. Es sind geborgte Erinnerungen, sodass ich, wann immer ich von meiner Kindheit erzähle, in ihren Worten spreche.

 

Meine Erinnerungen setzen erst kurz vor dem Schuleingang ein, also um meinen sechsten Geburtstag herum. Ich erinnere mich, wie meine Schwester meine blonden Haare mit einem Lockenstab zu Engelslöckchen frisierte. Ich erinnere mich, wie ich mit meiner Mutter die schwarzen Lackschuhe kaufte, die so schön klackerten auf der Straße; ein Geräusch, das ich in meiner Kindheit mit dem Frausein verband: Frauen tragen Schuhe, die auf den Gehwegplatten klacken, so laut, dass man sie von Weitem hören kann. Aber als ich die klappernden Schuhe trug, wurde mir das Klacken unangenehm. Man ist sich nicht gern seiner selbst auf Schritt und Tritt bewusst.

 

textur marlen hobrack

 

Ich erinnere mich nicht daran, wie ich mein Schuleingangskleidchen, einen rauschenden, pinkfarbenen Albtraum aus Satin und Schleifen, auswählte. Meine Mutter schwört bis heute, dass sie das Kleid auf Verlangen des Kindes, auf mein Verlangen hin also, bestellte. Die Fotos von diesem Tag zeigen ein Mädchen, dem Lehrerin und Hortnerin zärtlich die Hände auf die Schultern legen, während sie gütig auf das Kind blicken. Das mag die Erklärung dafür sein, warum ich die Schule liebte, obwohl ich den Lärm und die Intensität der aufgezwungenen Mitmenschlichkeit hasste.

 

Erinnerungen. Mein erster Tag in der Kinderkrippe war anders verlaufen, so erzählte man mir. Ich wurde der wildfremden Krippenerzieherin ohne viel Zaudern übergeben. Der kindliche Ablösungsprozess vom mütterlichen Rockzipfel wurde kurz und schmerzvoll gestaltet. Vielleicht sollte das Kind so auf die harte Realität des Lebens vorbereitet werden. Das einjährige Kind also schrie. Schrie und schrie und wollte nicht aufhören; die Mutter aber hatte kaum den Ausgang erreicht, da verstummte das Kind so plötzlich, dass es ihr mulmig zumute wurde und sie sich entschied, zum Kind zurückzukehren. Sie fand ein Kind, dem man den Mund mit einem Pflaster zugeklebt hatte, ein Kind, das immer noch hoch rot war, schreien wollte, aber nicht konnte. Bis heute überkommt mich, wenn ich wütend werde, das Gefühl zu ersticken. Ein beklemmendes Gefühl, das Panik auslöst. Vielleicht einer der Gründe, warum ich heute meine Klappe nicht halten kann, besonders dann, wenn ich wütend bin.

 

Erinnerungen an das Hier und Jetzt. So funktioniert biografisches Schreiben doch, oder? Es tut so, als erzähle es von der Vergangenheit, ordnet dabei aber die Ereignisse so an, als müssten sie unausweichlich auf ein Telos zulaufen, nämlich das heutige Selbst. Wobei in jedem Erinnerungsvorgang die alten Spuren überlagert, verschoben und neu verknüpft werden. Und mit jeder neuen Spur überschreibt man mehr von dem, was nicht in das Selbstbild passen will. Bis alles, was man ist und war, widerspruchslos in einem Bild aufgeht.