Abwarten und Tee trinken

 

Morgens rolle ich mich aus dem Bett und starre auf meine Socken, die auf dem Teppich vor dem Bett liegen. Feine Katzenstreu hängt in Socken und Bettvorleger. Der Kater stößt seinen Kopf gegen mein Kinn. Ich versuche, die Katzenstreukrümel von meinen Socken zu picken, schüttele sie wild durch, aber die Krümel sitzen fest. Sie fliegen zurück auf den Bettvorleger. Ich stehe sockenlos auf und lausche meinen Füßen, die über den Laminatboden ins Badezimmer tapsen. Der Kater folgt mir, und mit ihm das feine Tippen seiner Krallen auf dem Boden. Vermutlich sollte ich sie ihm mal wieder kürzen. Dann hocke ich mich auf den Klositz; der Kater springt auf meinen Schoß. Ich werfe ihn aus Protest in die Dusche und er zieht beleidigt davon. Ich denke immer noch über das nach, was mir D gestern gesagt hat: „Du bist ein süßes, nettes, intelligentes Mädchen. Aber ich glaube, du hast dich da verrannt. Setz doch besser deinen Kopf ein.“

 

 

Es spielt keine Rolle, warum er das sagte. Die Worte saßen, und einige Stunden lang hatte ich mich getroffen gefühlt, hart getroffen, wie von einer heftigen Ohrfeige. Ich hatte sogar geweint, ziemlich viel sogar. Im Grunde hatte er mir gesagt, dass ich mich lächerlich machte. Das sagt man mir oft, das kümmert mich nicht. Es von ihm zu hören, kümmerte mich dagegen sehr. Eigentlich hatte er es mir nicht gesagt; er hatte mir eine lange, sehr lange Nachricht geschrieben, in der er mir sehr detailliert erklärte, warum mein Kopf nicht richtig funktionierte. Das war ein starkes Stück, besonders von ihm, aber er hatte natürlich recht.

 

Ich zermartere mir den Kopf. Inzwischen habe ich die Innenseite meiner Wange zerkaut; ich schmecke Blut. Ich stehe vom Klo auf und wasche meine Hände, trotte in die Küche und spüle meinen Mund mit sehr saurer Mangolimonade.

 

D hat gesagt, ich könne ihn besuchen kommen, also mache ich das.

 

Es tue ihm leid, sagt er, als er mich auf dem unbeleuchteten Flur seiner Wohnung umarmt. Es tue ihm leid, dass er so schroff zu mir war. Er wisse ja ganz genau, wie ich mich fühle. Er ist so viel größer als ich, dass ich mich auf die Zehenspitzen stellen muss, um meine Arme um ihn legen zu können. Das erste Mal, dass ich ihn so umarmen konnte, vor zweieinhalb Jahren, fühlte sich auf wunderbare Art vertraut an. Ich erinnere mich an seinen zarten Duft, und daran, dass ich zu lange auf den Schritt seiner zu dünnen Jogginghose gestarrt hatte. Er war mir danach für Wochen ausgewichen. Ich glaube, dass er manchmal Angst vor mir hatte.

 

Wir setzen uns an seinen Tisch, der von Holzwürmern ganz zerfressen ist. Er ist ein Sperrmüllfund; D hatte ihn retten wollen. Aber noch immer kriechen die Holzwürmer in dem Tisch herum; manchmal kann man ihnen beim Bohren der Löcher zusehen. Ich erinnere mich, wie J einst einen der Holzwürmer erlegte, mit seinem Messer den Wurm zerteilte und das Holzmehl, das aus dem Loch getreten war, mit der Klinge vom Tisch fegte, nur um kurz darauf seinen Black Pudding damit zu zerschneiden. Blutpudding, ich schüttle mich bei dem Gedanken daran.

 

Wir reden über J. D sagt mir, wie sehr er J liebt, und ich sage ihm, wie sehr ich J liebe, also sind wir vereint in der aufrichtigen Liebe für einen Mann. Der Teekessel pfeift. Wir schmunzeln und er gießt mir eine Tasse Tee ein. Die Teekanne tropft. Ich starre auf seine Hände. Die sind von der Arbeit so aufgeraut, dass man glauben könnte, er sei ein alter Mann. Ich kenne sonst keinen Mann, der raue Hände hat. Ich finde seine Hände nicht schön, aber es gefällt mir, dass sie echte Arbeit leisten können. Dann denke ich an die Sinnlosigkeit des Schreibens.

 

Ich frage mich kurz, wie sich eine Berührung mit diesen Händen anfühlen würde. Und für einen Moment denke ich an F und an seine feinen langen Finger, die sanft den Gitarrenhals umfassten, während er mich anschaute und einen Song sang, und es sich anfühlte, als sänge er ihn für mich. Ungeheuer schlanke Finger waren das, wie die eines Pianisten. F war der erste Mann seit langem, mit dem ich flirtete. Es fühlte sich fremd an und schön; eigentlich war ich es gar nicht, die mit ihm flirtete. Etwas in mir hatte auf ihn reagiert, oder mit ihm. Ich glaube, wir beide konnten uns in unserer Nacktheit sehen, unsere Traumata und die subkutane Angst erkennen; ich glaube, dass wir nichts davon bewusst wahrnahmen. Einen ganzen Abend lang war er mir körperlich immer wieder ausgewichen; ich fand das ungemein anziehend.

 

D fragt mich, worüber ich nachdenke.

 

Ach nichts, sage ich.

 

Wir sitzen noch eine ganze Weile lang so da und starren auf den Tee in unseren Tassen.