Penthesilea

 

Ich habe ihn niedergestreckt. Nun liegt er auf meinem Bett, die Hand- und Fußgelenke gefesselt. Easy prey. Ich befühle blind seinen Körper, ertaste eine Wunde an seiner rechten Flanke. Ungläubig bohre ich meinen Finger in sie. Es ist nur ein kleines Loch, verursacht von einer Pfeilspitze, einer kleinkalibrigen Waffe vielleicht. Dann greife ich einen Hautfetzen, ziehe daran, sehe, wie sich die Oberhaut von der Lederhaut löst.

 

Ich reiße seine Haut in kleinen Fetzen von seinem Rücken. Dann greife ich hinein in das rote Fleisch, suche die Muskelstränge, erwische einen, einen besonders starken, und ziehe ihn der Länge nach aus seinem Rücken heraus. Ich habe eine der Rippen freigelegt. Ich greife sie, biege sie zurück, bis sie knackt und ich sie mühelos aus dem Brustkorb lösen kann. Ich breche die zweite Rippe, dann folgt die dritte.

 

Meine Hände sind ganz blutig, bis zu den Ellenbogen hinauf bin ich mit Gewebestückchen besudelt. Die ausgebrochenen Rippen sind um mein Bett verteilt. Es gleicht einer Wüstenlandschaft. Trocken. Leer. Nur seine Knochen ragen aus dem Sand, reflektieren das Sonnenlicht. Sie blenden mich. Ich schiebe seinen Lungenflügel beiseite. Nun liegt das Filetstück vor mir: Sein verräterisches Herz, es schlägt und schlägt.

 

Die glutrote Sonne brennt auf uns nieder. Plötzlich ist er zerfallen. Das Fleisch ist von seinem Körper abgefallen. Sein Herz ist verschwunden. Ein wildes Tier muss es erbeutet haben. Ein Aasgeier vielleicht, der gewartet hat, bis ich mit ihm fertig war, um zu rauben, was ich suche. Ich rieche an dem Skelet, das keinen Geruch mehr verströmt. Seit wann bin ich ein Tier?