Der andere Leser

Was gibt es nicht für literaturwissenschaftliche Debatten um den Leser und die Frage, ob es so etwas wie einen idealen Leser gibt, und ob der Autor beim Schreiben einen solchen Idealleser vor Augen hat, ja adressiert. Dabei ist die Antwort ganz einfach. Das Begehren des Autors ist das Begehren aller Liebenden, vielleicht das Begehren par excellence: Der Wunsch, verstanden zu werden. UND der Wunsch, zu verstehen. Wer den anderen versteht, löst das Rätsel, das die Sphinx Mensch stellt; wer das Rätsels Lösung kennt, löst das unendliche Begehren ein.

 

Wie enttäuscht ich bin, wenn der Leser nicht versteht, wenn er nicht liest, was er lesen soll. Das ist wie ein Witz, den der ANDERE nicht versteht, und dann muss man sich fragen, ob der andere nicht kapiert, nicht kapieren will oder ob der Witz zu schlecht erzählt war. Aber vermutlich verhält es sich so: Man muss eine gewisse Bereitschaft empfinden, das, was der andere erzählt, als mindestens doppelbödig lesen zu wollen. Nur wird diese Bereitschaft blockiert durch das Urteil, das schon da ist, nämlich dass SIE//ICH nichts zu erzählen hat, das nicht identisch wäre, mit dem, was da steht. Und das wiederum soll nur identisch sein, mit dem, was SIE ist, was nicht viel ist, nicht genug, um eine gründliche Lesart zu rechtfertigen.