Ich//Selbst//Sein

Immer wieder die Forderung, dass ich mit mir selbst identisch sein soll, dass ich immer und überall dieselbe sein soll. Dass Tonfall und Stimme konstant denselben Output erzeugen sollen, ohne Störgeräusche.

„Sie klingen in dem Text gar nicht wie sie selbst“, sagte mir der Redakteur, und ich verzweifelte ein bisschen über die Frage, wie ich denn klinge.

„Schreib doch etwas Lustiges“, sagt H und ich frage mich, warum ich nicht schreiben soll, was ich schreiben will, in dem Ton, der mir dabei zufällt.

Ein Facebook-Freund teilt mir mit, ich sei nicht mehr die, die ich einmal war, womit er meint, dass ich Meinungen vertrete, die er mir nicht zugetraut hat, und über die er nun erzürnt ist. Dabei kennt er mich gar nicht. Ich selbst kenne mich jedenfalls gut genug, um zu wissen, dass das Ich, das er zu kennen glaubte, nie existierte.

 

Die oberste Anforderung an eine Schreibende scheint sowieso ihre Authentizität zu sein, wobei diese Authentizität das Gegenteil vom Wortsinne meint. Es meint nämlich: Einer bestimmten kulturellen Vorstellung von Weiblichkeit oder Jugend oder sonst etwas eine perfekte, also möglichst glatte Projektionsfläche zu bieten. Das Drama derjenigen, die zur Authentizität verdammt ist, besteht natürlich darin, dass sie mit sich selbst für immer und ewig identisch sein muss, soll heißen: Um „authentisch“ zu bleiben im Auge des Betrachters, darf es keine individuelle Entwicklung auf habitueller, visueller, sprachlicher oder sonst einer Ebene geben. Die Krux ist nur, dass jemand, der sich nicht neu erfindet, für den Kulturbetrieb innerhalb kürzester Zeit an Reiz verliert. Nur Madonna (anfangs auch Lady Gaga) konnte das Problem zufriedenstellend lösen, indem die authentische Madonna, die immer schon eine Kunstfigur war, das Chamäleonhafte zu ihrem Markenzeichen machte. Das heißt, die permanente Abweichung von dem Bild, das sich andere gemacht haben, zu durchkreuzen, und ein neues an die Stelle zu setzen, wobei der Rahmen der Gleiche bleibt, denn der Rahmen ist die „Wandelbarkeit“. Das trägt nur auf der Ebene des Bildes viel besser, als auf der sprachlichen.