Nicht tot

 

Meni ist nicht tot! Meni ist nicht tot! Meni ist nicht tot!, ruft es dreimal in meinem Traum. Vielleicht auch viermal. Hier schon beginnen die Unklarheiten. Dabei ist die Zahlenmagie so wichtig. Ich denke viermal.

 

Also, einmal mehr: Meni ist nicht tot!

 

Es ist ein selbstbewusster Ausruf, ich erinnere keine Verzweiflung. Vielleicht aber schwingt jener, mir aus Erzählungen der Eltern und Geschwister so wohlbekannte Trotz darin mit.

 

Trotz allem: Meni ist nicht tot.

 

Es ist die geträumte, partial gewendete Entsprechung zur jubilatorischen Geste des Kindes bei Lacan: Schau her, hier bin ich, ganz und gar. Ich bin nicht tot.

 

Schon kurz nach dem Aufwachen will sich das Meni ist nicht tot zu einem Meni ist noch lebendig umwandeln. Je häufiger ich versuche, den Trauminhalt aufzurufen, desto unklarer wird er, bis hin zur Entstellung des Ausrufes, den ich im Traum so klar und deutlich – dreimal oder viermal – hören konnte.

 

Die semantische Verschiebung zu noch lebendig scheint auch deshalb so falsch, weil sie den Jubel ausstriche und an seine Stelle die Melancholie setzte: Noch ist sie lebendig. Wer weiß, wie lange noch. Noch lebendig schließt den drohenden Verlust, den Verlust des Lebens, schon ein.

 

Nicht tot ist etwas ganz anderes. Das, was da ruft, egal ob drei- oder viermal, spricht, benutzt Sprache. Freud deutet das Schweigen im Traum und im Märchen als Sinnbild für den Tod. Tote sprechen nicht, und sie können ganz gewiss nicht ausrufen, dass sie nicht tot sind. Tote können sich nicht selbst behaupten.

 

Vielleicht auch die Formel: Meni ist nicht [der] Tod? Und was hieße das dann? Jedenfalls bin ich nicht tödlich.

 

Und Meni? Warum der Spitzname, den ich mir als Kleinkind selbst gab, weil ich meinen Namen nicht aussprechen konnte? Wie viel Autonomie und Lebendigkeit oder eben Nicht-tot-Sein darf so ein inneres Kind denn beanspruchen? Ziemlich viel, will es scheinen, jedenfalls drei- oder viermal so viel, wie ich ihm selbst zugestehen möchte.