Hilary Mantel und Stimmen über Stimmen

Habe heute Hilary Mantels ‚A Place of Greater Safety‘ gelesen und mich gefragt, warum mir ihr Stil so gut gefällt und was es eigentlich ist, was sie da macht. Wie entsteht diese Unmittelbarkeit, wie gelingt es ihr, in prägnanter, beinahe trockener Prosa so große Geschichten zu erzählen?

 

Ich habe früher keine historischen Romane gelesen, auch deshalb, weil ich sie, vielleicht zu Unrecht, mit Schwulst identifizierte. Was bei Mantel gar nicht möglich ist. Eben aufgrund ihres so speziellen Erzählstils. Ein stark elliptisches Erzählen, das mit zwei Sätzen ein ganzes Jahrzehnt voller Ereignisse zusammenfasst oder einen Charakter so eindrücklich skizziert, dass man ihn zu kennen glaubt.

 

 

„The Year Now Is 1774“, sagt sie einfach, wir müssen gar nicht wissen, wie wir in das Jahr 1774 gelangt sind. Ebenso wird ein Zeitabschnitt kurzerhand für beendet erklärt: That Was Paris, July 1775. Punkt. Hier ist die Geschichte dieses Zeitabschnitts beendet, so elegant unelegant.

 

Und dann Personenbeschreibungen wie diese:

 

„The King is a large, pious, conscientious boy, phlegmatic, devoted to hunting and the pleasures of the table; he is said to be incapable, by reason of a painfully tight foreskin, of indulging the pleasures of the flesh. The Queen is a selfish little girl, strong willed and ill-educated. She is fair, fresh-complexioned, pretty because at eighteen almost all girls are pretty; but her large-chinned Hapsburg hauteur is already beginning to battle with the advantages conferred by silk, diamonds and ignorance.”

 

(A Place of Greater Safety, S. 30f.)

 

Der Erzähler sagt nicht, Louis XVI. könne keinen Sex haben, nein, er könne „sich den fleischlichen Vergnügungen nicht hingeben“; diese Formulierung wirkt im Kontext, als bediene sich der Erzähler einer Sprache, die gar nicht seine ist. Denn seine Sprache vermeidet es für gewöhnlich, künstlich eine Sprechweise (hier des 18. Jahrhunderts) zu imitieren. Wenn sie es dann doch an dieser Stelle tut, dann um nochmals den Grad der Ironisierung zu steigern. Mantel verstößt zudem freudig gegen die Regel, dass man etwas, anstatt es nur zu behaupten, zeigen solle. Natürlich macht sie das, um dem Leser einen Eindruck von den Charakteren zu geben, die für den Roman zunächst nur nebensächlich sind. Die Einfältigkeit König Louis XVI. wird sich noch in zahlreichen Dialogen zeigen.

 

Besonders bezaubernd in dem Zitat ist die Art und Weise, wie sofort ein Bild Marie-Antoinettes vor dem Auge des Lesers aufblitzt. Eine ganz andere Marie-Antoinette ist das, als man sie von Gemälden kennt, oder aus dem Geschichtsunterricht, und man glaubt die Stimme einer zynischen Beobachterin zu hören.

 

Was macht Mantel da eigentlich auf der Erzählebene? Ist das ein klassischer auktorialer Erzähler? Dieser Erzähler weiß tatsächlich alles und verschmilzt bisweilen untrennbar mit dem Bewusstsein der Handelnden. Erscheint ein auktorialer Erzähler oft genug wie ein Betrachter, der von oben auf einen Haufen Ameisen schaut, wird er hier mit den Ameisen identisch.

 

Die Erzählung ist aber nicht nur dadurch mehrstimmig. Mantel gibt überdurchschnittlich oft parallel zu den Dialogen die Gedanken der Charaktere wieder, wodurch die Erzählung durch eine zweite Ebene ergänzt wird. Nirgendwo wird die Differenz zwischen öffentlicher Rede und geheimen Gedanken deutlicher, als in Mantels Texten, die immer wieder historische Figuren zum Thema machen. Damit spüren ihre Texte aber auch dem nach, was hinter den überlieferten Reden der historischen Akteure steht. Hier ist aber nicht Schluss mit der Mehrstimmigkeit, weil die gedoppelten Stimmen nochmals durch den Erzähler ironisiert werden.

 

Außerdem scheint sich auch das Geschlecht des auktorialen Erzählers zu verändern. Eigentlich müsste man den auktorialen Erzähler ja für geschlechtslos halten, vermutlich denkt man ihn meistens als Mann (oder nicht?), selbst wenn die Autorin eine Frau ist, aber hier hat man das Gefühl, mal einer Frau, mal einem Mann beim Erzählen zuzuhören, und zwar unabhängig davon, ob gerade aus der Perspektive eines weiblichen oder männlichen Charakters erzählt wird. Ich könnte aber nicht begründen, wodurch dieser Eindruck entsteht.

 

Zurück zur Ausgangsfrage: Wie macht sie das, was mir so gut gefällt? Ich weiß es nicht.