Botenstoffe

Zwei sprechen nicht dieselbe Sprache, und müssen einander doch verstehen. Die eine spricht die Sprache des andern beinahe perfekt; beherrscht sie, nur spricht die Sprache nicht durch sie. Sie benutzt die Sprache, ganz bewusst, will sich ihm verständlich machen, will verstanden werden, denkt, denkt zu viel und zu oft.

 

Wer in der Muttersprache spricht, tut das unbewusst, denkt sie; die Muttersprache aber ist ihm die zweite Haut, mehr noch: die erste Voraussetzung. Die ganze Existenz entfaltet sich in diesem Sprachraum, und wer ihn verlässt, der steigt ein zweites Mal in einen zweiten Fluss, nicht nur, weil man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann, sondern weil man, einmal in den Fluss gestiegen, nie wieder nicht in den Fluss gestiegen sein kann. Mit dem Eintritt in die zweite Sprache nimmt man ein neues Evangelium an.

 

Er versteht meine Angst vor der Sprache nicht. Für ihn sind die Worte Gebrauchsgegenstände, die benutzt, und danach beiseitegelegt werden. Die funktionieren, oder nicht. Die man versteht, oder missversteht. Dass der Sinn über die Worte hinweggleiten kann, will ihm nicht einleuchten.

 

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Eine körperliche Kluft kann überwunden werden, nicht aber eine sprachliche. Oder ist das Normale der Sprache die Kluft? Und die Unüberbrückbarkeit der Leerstelle in dem, was ich sagen möchte, und dem, was der andere versteht, die notwendige Bedingung fürs Verstehen?

 

Wie wäre es, wenn man dem anderen die eigenen Worte einschreiben könnte, wenn sich die Worte in Ausdrucksgebärden zurückführen ließen? Wenn sie zu Zeichen würden auf der Haut des anderen, und lesbar würden, durch das Abtasten mit den Fingern? Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, mit Fingerkuppen Zeichen auf berührungsempfindliche Oberflächen zu tippen. Zu schreiben, ohne einzuschreiben, denn was gerade noch getippt wurde, ist ebenso schnell verschwunden, und doch dauerhaft gespeichert, wenn auch ausgelagert, in eine Cloud vielleicht. Unsere Fragmente einer Sprache der Liebe: Eingespeist in einen Hypertext.

 

Wenn man Sprache doch einfach absorbieren könnte… Wenn sie doch nur in den Körper diffundierte. Man müsste nur nebeneinander liegen, eine Verbindung herstellen, den Spalt überbrücken. Leerstellen zwischen den Körpern… zwei Körper, die sich zu einander verhalten, wie Synapse zu Synapse, die mühelos den Spalt überbrücken. Und die Worte wandern umher wie Botenstoffe.