KW22

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12:15 Uhr

 

Ich muss diesen Roman fertigbekommen. Solange ich an dem Roman schreibe, denke ich an Jon, sobald ich an Jon denke, geht es mir schlecht.

 

Heut Morgen zwei Stunden lang Machine Head gehört und geheult wie ein Schulmädchen, dabei realisiert, wie alt ich bin und wie wenig ich geschafft habe und dass mir vielleicht noch zehn Jahre bleiben. Dann will ich fertig sein, dann will ich gehen können und genug geschrieben haben, um so etwas wie eine Reputation zu haben, eine, die ein bisschen länger da ist als ich selbst.

 

Würde gerne regelmäßiger Tagebuch schreiben. Aber wenn, dann würde es wohl eine endlose Aufzählung von Alltagsdingen, vielleicht so wie bei Knausgård, ich will kein reflexives Tagebuch, schon gar kein literarisches, eines mit klugen Überlegungen, ich will nur nackte peinliche Gedanken.

 

Taste mich ein wenig an eine Écriture automatique ran, auch im Roman, versuche Passagen runterzuschreiben und sie anschließend nicht zu bearbeiten, abgesehen von den Tippfehlern, hoffe, dass so etwas mehr Unmittelbarkeit im Text entsteht.

 

Im Tagebuch bremst mich die Frage, wie viel ich preisgeben soll, darf, eigentlich habe ich keine Sorge vor der Selbstentblößung, Frage ist, welche Klarnamen man verwendet, wen das stört oder nicht.

 

Komische Sache auch, wenn mir Freunde in den Kopf gucken können, bei Fremden tangiert es mich überhaupt nicht, die können denken über mich was sie wollen, wen interessiert das, mich jedenfalls nicht.

 

Mir gefällt das Runterschreiben, es hat so einen manischen Duktus. Apropos: Diese Woche ziemlich manisch geschrieben, wie gesagt, der Roman muss fertig werden, damit ich weitermachen kann, mit etwas anderem, und weil ich zu alt werde ohne etwas geschafft zu haben. Das macht mich fertig.

 

Habe heute gedacht, dass ich so etwas wie eine zweite Pubertät erlebe, seltsames Gefühl: Es ist das gleiche Erwachen von damals, nochmal Selbstfindung, eigentlich ist Pubertät das falsche Wort, weil das, was ich meine, am Übergang zum Erwachsenensein geschah, eine Radikalisierung des Selbst, das sich einfach nicht mehr kümmert um das, was andere sagen und denken und das sich visuell, körperlich und sexuell neu erfindet.

 

Je mehr ich schreibe, desto mehr Erinnerungen steigen auf, die ich dann leicht entstellt in den Text fließen lassen, alte Erinnerungen, fünfzehn Jahre alt beinahe.

 

H hat das „Frauenbild“ in meinem Roman kritisiert, nachdem sie hineingelesen hat, ich weiß immer noch nicht, was sie damit meint, sie will mit mir deswegen telefonieren. Ich drücke mich davor, weil ich jetzt nicht damit anfangen will, über so etwas nachzudenken, ich will jetzt den Text fertig haben und um Gottes Willen keine Debatte darüber, was für eine Frau ich da beschreibe. Würde ich das Bild, das sie abgibt, verändern, müsste ich auch einen anderen Text schreiben, oder anders ausgedrückt: Für diesen Text muss sie solch ein Bild abgeben; ein sympathischer Mensch ist sie bestimmt nicht, sicherlich ziemlich zynisch, aber ich will das nicht ändern, sie muss so sein. Jedenfalls will es der Text so und der Text hat immer recht.

 

03.06.2017

 

Lese Safranskis Nietzsche-Buch, und weiß nicht, ob ich es gut oder schlecht finden soll, dass er so sehr auf zitierfähige, knackige Bonmots hinschreibt. Safranskis Heidegger-Buch steht als nächstes auf der Leseliste.

 

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Weil ich in der letzten Zeit häufig Sätze mit „mein Therapeut meint“ angefangen habe, halten mich jetzt alle für meschugge, dabei will ich doch nur ein besserer Mensch werden.

 

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Zuletzt auf Facebook und beim Freitag ein paar provokative Sachen geschrieben und anschließend in Mails und Fb-Messages Zuspruch erhalten. Tenor: „Ich kann das ja nicht öffentlich sagen, aber es ist gut, dass Sie das sagen.“ Kommt von Autoren und Journalisten. Nun sage ich ja nichts wirklich Radikales, nicht Verbotenes, nichts Justiziables, es ist aber schon erschütternd, dass andere Schreibende das Gefühl haben, sie könnten das nicht sagen. Die haben natürlich eine Reputation, und die sind auch nicht scharf auf einen Shitstorm. Trotzdem ist es ein bisschen traurig, wenn semiprovokante Thesen schon als unaussprechlich gelten.

 

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Bin mit der Struktur des Blogs noch immer nicht zufrieden, habe sie schon ein paar Mal geändert, werde es wieder tun müssen, finde die Einteilung unlogisch, nicht kohärent, nicht zwangsläufig. Wieder in bisschen in Herrndorfs „Arbeit und Struktur“ gelesen; die Blog-Struktur ist eigentlich ziemlich simpel, aber dann wieder gar kein klassischer Blog, bei dem man in umgekehrter Chronologie liest. Ist sozusagen ein Zwitter, eine Buchlog.

 

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Pathos. Ich muss mit dem Pathos aufhören.