KW23

Ich bin kaputt kaputt kaputt.

 

 

08.06.2017

 

Jon geschrieben und ihn gefragt, ob er nicht aufhören könnte, mich zu hassen. Zwei Tage auf Antwort gewartet. Dann mitten in der Nacht doch noch eine Antwort. Der Nachrichtenton reißt mich aus dem Schlaf: "Ich hasse dich nicht, aber ich habe dir nichts zu sagen." Und das finde ich wirklich schlimm, weil ich denke, dass ich mit Hass sehr gut umgehen kann, mit Indifferenz aber nicht. Aber vielleicht wird mir irgendwann seine Indifferenz egal sein.

 

10.06.2017

 

Jugendweihe meines Neffen. Die ganze Familie fährt nach Hoyerswerda, wo die offiziellen Feierlichkeiten stattfinden. Interessant der Look der Jugendlichen: Manche Jungs in schicken Anzügen und Lederschuhen, andere tragen Jacket und Sneakers, andere hochgekrempelte Ärmel und teure Krawatten. Je wohlhabender die Familie, desto legerer der Look, glaube ich, weil es arme Menschen bei solchen öffentlichen Veranstaltungen meistens übertreiben, aus einer Angst heraus underdressed zu sein. Dann die Mädchen, vielen von ihnen eingewickelt in Lagen aus Chiffon und Crêpes-Stoff, ein Mädchen ziemlich cool in einem apricotfarbenen Tellerrock, knielang, dazu eine zarte Seidenbluse, etwas zu stark geschminkt allerdings, dann zwei Mädchen in weißen Tutu-Kleidchen, gepaart mit Skeakers in Weiß, and the winner is: ein Mädchen im Jumpsuit. Ziemlich niedlich anzusehen, die kleinen Girlies, die eben noch nicht ganz Frau sind, aber dieses princess for one day-feeling haben wollen, in wirklich hohen High Heels, unsicher auf die Bühne staksend, die Hände nervös am Kleid nestelnd. Manche Mädels schon voll entwickelt, andere noch sehr kindlich. Die Jungs sehen alle noch kindlich aus. Mein Neffe sieht da oben auf der Bühne zart und dünn und so niedlich aus, wird ganz blass um die Nase.

 

Die Jugendlichen, die zum Ende der Feierlichkeiten eine Rede alten, fordern von ihren Eltern angesichts der Flüchtlingssituation und politischen Lage mehr Toleranz und Mitgefühl. Hörbares Raunen im Saal.

 

Danach großes Essen in einer Burg. Keine echte, irgendein reicher Zahnarzt hat sie in die Landschaft gezimmert. Ziemliche Impertinenz, wenn man mich fragt. Drumherum ein Streichelzoo; die halten sogar Affen, kleine Makaken, in einem Käfig ohne irgendwelches Grün.

 

Versuche verzweifelt, politischen Gesprächen mit meinem Schwager auszuweichen. Will nicht die Veranstaltung sprengen.

 

Oma ist auch da. Irgendwann verschwinden meine Mutter, meine Tante und meine Schwester vom Tisch, und bitten mich, mit Oma Konversation zu machen. Ich versuche verzweifelt, ein Gespräch anzufangen. Aber Oma ist einsilbig wie immer. Die Minuten der Stille dehnen sich zu einer Ewigkeit. Dann kehren endlich meine Mutter und meine Tante aus ihrer Raucherpause zurück.