Angry Young Woman

Vor lauter Wut tut mir der Kopf weh. Ein Gefühl von Gefrierbrand knapp hinter der Stirn. Ich bin über so viele Dinge wütend. Heute meinte jemand im Kommentar zu meinem Text auf Zeit Online, dass ich eine Angry Young Woman sei. Mir gefiel die Zuschreibung, sie war aber nicht nett gemeint. Sie sollte heißen: Die Frau kann nicht klar denken, weil sie zu emotional ist. Die alberne Trennung zwischen Denken und Emotion ist ohnehin hirnrissig; zumal beides – der Glaube, dass wir denken, und das Bewusstsein von unseren Gefühlen – im Hirn produziert wird und deshalb Effekt ein und desselben Vorgangs ist.

 

 

Natürlich ist das ein Vorurteil, das besonders weibliche Schreibende trifft, und das gleichermaßen gerne von Männern wie Frauen benutzt wird, wenn sie missliebige Meinungen nicht im Kern, eben als Meinung, kritisieren, sondern die Person zum Schweigen bringen wollen. Ein Text schreibt sich nicht aus Gefühlen. Wer schreibt, muss vorher Gedanken formuliert haben. Interessanterweise wurde der Text wahlweise als weinerlich und wütend bezeichnet. Ja, was nun, geht beides gleichzeitig? Jedenfalls: Das mit der wütenden jungen Frau finde ich toll. Wenn Dinge beschissen sind, dann ist es nur legitim, diese Wut zu formulieren. Die Wut über die Verhältnisse will man uns austreiben, man soll sich doch lieber mal selbst optimieren, dann muss man auch nicht mehr „jammern“. Dabei ist Wut Energie, und als solche durchaus produktiv.

 

Der Inhalt der Reaktionen auf den Text ist jedenfalls schockierend: Was für ein muffiges, reaktionäres, von bedrohter Männlichkeit bevölkertes Land das doch sein muss, wenn ein heiterer Text über das Alleinerziehen so viel Verachtung produziert. Immer wieder Kommentare wie: „Alleinerziehende dürfte es gar nicht geben hierzulande.“ Scheinbar Befürworter einer Familienpolitik à la AfD mit Zwangsverheiratung und vier Kindern pro Frau, damit man nur ja nicht auf die Idee kommt, sich von dem Erzeuger der Kinder zu trennen, weil man ansonsten den Steuerzahler mit Ansprüchen belastet. Was ja gar nicht der Fall wäre, wenn der unterhaltspflichtige Elternteil zahlen würde, aber das nur am Rande. Und anyway, Elterngeld, Kindergeld, Betreuungsgeld etc. tun genau dasselbe.

 

Auch witzig: die wiederkehrende Frage, warum denn der Vater des Kindes nicht mehr bei mir sei. Als ob die Frage, wer wen und warum verlassen hat, etwas damit zu tun hätte, ob das Kind Unterhaltsansprüche hat. Die Frage wird aber nicht ohne Grund gestellt, denn sie zielt auf eine Schuld ab, genauer: meine. Ich sei ein verwöhntes Prinzesschen, diagnostiziert ein Kommentator, der mich scheinbar ohne mein Wissen sehr gut kennt. Ich solle mal meine Ansprüche herunterschrauben. Anspruchslosigkeit ist aber nur eine Qualität von Zimmerpflanzen. Ansonsten sollte man an Liebe, Beziehungen und Partner schon bestimmte Mindeststandards anlegen; welche das sind, bleibt jedem selbst überlassen. Aber genau das scheint die reaktionären Kommentatoren - hoffentlich sind sie doch nicht repräsentativ! - besonders zu stören: Dass eine Frau, oh Graus oh Graus, sich beispielsweise für ein Kind, aber gegen einen Mann entscheidet, ihre Partner frei wählt, und zwar immer wieder. Und das aus purer „Selbstsucht“, was deren Vokabel für Freiheit ist. Ein selbstsüchtiger Mensch jedenfalls entscheidet sich wohl eher nicht fürs Alleinerziehen.

 

Aber Libertinage einer Frau muss mit allen Mitteln bekämpft werden, so scheint es. Sie reizt, ist ein Stachel im Fleisch. Zumindest dann, wenn man ein lächerlicher Meninist ist. Und überhaupt: Selbst, wenn ich ein selbstsüchtiges, unreifes Luder wäre, würde das überhaupt nichts an den harten Fakten ändern. Der Anspruch auf Unterhalt ergibt sich aus dem puren Umstand, dass man das Kind versorgt. Punkt. Das muss man den seltsamen Herren vermutlich immer wieder unter die Nase reiben: Mein Körper, mein Leben, meine Entscheidung. Deal with it, twat! Auch die mir vorgeworfene Arroganz ist immerhin meine Sache. Außerdem: It’s not arrogance if you can back it up. So, jetzt bin ich schon gar nicht mehr wütend.