Die Tochter meines Vaters

In Romanen beginnt die Auseinandersetzung mit dem Vater stets mit einer Fotografie. Meist stößt die Tochter, oder wahlweise der Sohn, auf ein Konvolut von Briefen und Fotos. Also schaue ich auf das Bild des Vaters und finde ihn seltsam fremd. Der Vater, den die Tochter kennenlernte, sah diesem hier gar nicht mehr ähnlich. Der junge Vater auf dem Foto hat rabenschwarze Haare und dunkelbraune Augen. Ihnen fehlt die Verachtung, die sie später so oft offenbarten, bevor sie trüb wurden, und zumindest eines von ihnen blind. Überhaupt fehlt dem Bildvater die steinerne Härte.

Als die Tochter den Vater noch kannte, war er schon aufgedunsen und ungesund, und die olivefarbene Haut hatte sich gelblich-grau verfärbt. Das schwarze Haar war ohnehin früh ergraut und stellenweise ausgegangen. Der Vater ist immer noch ein bisschen pausbäckig auf seinem Hochzeitsfoto, wenn auch nicht so jungenhaft pausbäckig wie auf dem Foto, das ihn sechzehnjährig in der Tanzschule zeigt. Dass ein Mensch wie der Vater dieser Tochter tanzte, scheint unvorstellbar.

 

Wenn meine Mutter wütend mit mir wird, dann sagt sie mir, ich sei wie er. Also schaue ich ihn an und versuche, mich in ihm zu erkennen. Die zwei ungleich geformten Augen, sie stammen von ihm. Das dicke Haar, widerstrebend, drahtig. Die Wut, ich glaube die Wut, sie stammt von ihm. Die Traurigkeit, nein, die gehört ihnen beiden, sie gehört nicht nur ihm. Der Zynismus, der bissige Humor, er stammt von ihm. Das Zähnefletschen, es stammt von ihm. Natürlich meint die Mutter es nicht so. Natürlich meint sie nicht nur, dass ich ihm ähnlich sehe. Sie meint eine charakterliche Ähnlichkeit. Sie meint es als Beleidigung.