Empörungskunst

Kein Völkchen empört sich so gerne wie das Dresdner Stadtvolk. In diesem Jahr bot ausgerechnet die Kunst im öffentlichen Raum viel Anlass dazu. Ein Rückblick auf die Dresdner Empörungskunst im Jahr 2017

Mit Geschrei begann das Kunstjahr in Dresden. Die Installation MONUMENT, errichtet vom deutsch-syrischen Künstler Manaf Halbouni, ließ den Puls der Empörungswilligen unter den Dresdner Bürgern in die Höhe schnellen: Drei Busse standen da vor historischer Kulisse auf dem Neumarkt zwischen wiederaufgebauter Frauenkirche und den gen Himmel ragenden Kränen, die das Quartier VI errichten. „Müll“ und „Schrott“ waren noch die freundlicheren Bezeichnungen für die Busse, die die Nachbildung einer Barrikade aus dem syrischen Aleppo darstellen. Das Protestgeschrei der Beistehenden beschränkte sich allerdings auf die Phasen, in denen Kamerateams vor Ort die Wut dokumentierten. So braucht der Pöbel die Presse am Ende doch. Überhaupt lieferten die schimpfenden Dresdner nur, was man ohnehin von ihnen erwartet. Beinahe könnte man meinen, die Betroffenen wollten genau diese Bilder ins Land schicken, schließlich lebt es sich ganz und gar ungeniert, wenn der Ruf einmal ruiniert ist. Unterhaltsam ist er ohnehin, der hochroterhitzte Sachsenkopf, der über „Lügenpresse“ und „Merkel muss weg“-Rufe in bedenkliche Nähe des Höchstblutdrucks gerät.

 

Am 13. Februar selbst blieb alles recht ruhig rund um das MONUMENT. Das zentral organisierte Gedenken stand ganz unter dem Motto: Aleppo = Dresden. Totalzerstörung hier wie dort. Das bemühte Gleichnis formuliert auch eine Forderung: Müssten nicht ausgerechnet die Dresdner Mitgefühl mit den Bewohnern von Aleppo zeigen? Beide Städte als Chiffren für die totale Vernichtung: Aleppo und Dresden, Ruinenstädte im Osten, gliedern sich ein in die Reihe der Totalvernichtungsräume von Coventry bis Guernica.

 

Die Frage der „Rechtmäßigkeit“ der Bombardierung Dresdens erhitzt noch immer die Gemüter, über 70 Jahre nach dem Krieg. Sie stellt sich mit jedem Jahrestag des 13. Februars von neuem. Das unterscheidet Dresden ganz wesentlich von anderen Orten in Sachsen: Man denke nur an Chemnitz. Mehr als 80 Prozent der Stadt wurden zerstört durch Bombardements. Und wie der Künstler Jan Kummer in einem Gespräch bemerkte: Ohne dass dies als Ungerechtigkeit beklagt würde. Nur ist im Bewusstsein der Dresdner Dresden eine Kulturstadt; Chemnitz war eine Industriestadt. Vielleicht denkt die Industriestadt immer schon im Futur, die Kulturstadt aber im Perfekt.

Die Stadt, der Müll und der Tod

Die Themen Wiederaufbau und Neuanfang werden auch von dem Denkmal für den permanenten Neuanfang des Künstlerpaars Heike Mutter und Ulrich Genth aufgegriffen. Der Neumarkt, gewissermaßen als Platz des lang anhaltenden Wiederaufbaus, wurde nicht zufällig zur Bühne für dieses Denkmal. Kaum ein Ort in Dresden symbolisiert in solch bildhafter Form Zerstörung und Wiederaufbau, aber eben auch den permanenten Widerstreit zwischen dem Wunsch nach möglichst „originalgetreuer“ Rekonstruktion und der Erinnerung an die Wunden der Geschichte. Schön soll es sein, besonders an diesem Ort. Jedenfalls ist das der Wunsch vieler Dresdner. Das Störpotenzial der Installation besteht aus Perspektive der Empörungswilligen dann auch vor allem in der ästhetischen Dissonanz. Sie wirkt vielen wie ein Dorn im Auge. Wollte man das Denkmal für den permanenten Wiederaufbau wirklich auf ein ästhetisches Störpotenzial reduzieren, müsste man die besorgten Bürger fragen, warum das verhältnismäßig kleine Denkmal so viel störender sein soll als jene Baukräne, die es um einiges überragen. Nein, irritierend ist natürlich die symbolische Dimension des Kunstwerks, bei dem ein Fixateur, wie er auch in der Medizin zum Fixieren von gerichteten Brüchen eingesetzt wird, künstlerische Versatzstücke – jene durchlöcherte Kugel, den Arm mit Hammer und den wehenden Stoff – „zusammenschweißt“.

 

Zudem verstehen viele Kritiker das Denkmal als gezielte Provokation vor dem Hintergrund aktueller politischer Debatten, also als politische Intervention mit Mitteln der Kunst, obwohl die Planung viele Jahre in Anspruch nahm. Schon im Jahr 2011 fand nämlich das Symposium „Dresden-Perspektiven für Kunst im öffentlichen Raum" statt, das sich das Ziel setzte, künstlerische Diskussionen in der Stadt anzuregen. Bereits damals stellten Heike Mutter und Ulrich Genth ihren Projektentwurf vor. Das Künstlerduo zeigte in diesem Sinne also ein gutes Gespür für die Brüchigkeit des Selbstbildes der Stadt.

Krieg und Mitleid

Das Kunstjahr brachte aber nicht nur Streit. Stilles Gedenken herrschte nur wenige Meter vom Neumarkt entfernt am Theaterplatz. Dort zeigte die Installation Lampedusa 361 Flüchtlingsgräber in Sizilien. Die schiere Masse der Gräber lässt verstummen, und das intime Gedenken, das die Sizilianer für die fremden Geflüchteten organisieren, berührt. Ganz still wurden Dresdner und Touristen vor den Bildern der Gräber. Jede Nummer ein Schicksal. Vielleicht ließe sich hier viel eher eine Verwandtschaft des Leids (re)konstruieren: Dass die Toten, wenn sie denn einmal in Massen erscheinen, auf der Flucht, im Krieg oder in Naturkatastrophen, zu bloßen Zahlen werden; und dass sich ihr Leid, aufgerechnet zu Zahlenkolonnen, nicht mehr beziffern lässt.

 

Bei allem Mitleid möchte man fragen, ob das Flüchtlingsthema als Gegenstand künstlerischer Intervention nicht auch überstrapaziert wurde in diesem Jahr, oder anders: Ob sich das Thema nicht auch „abnutzt“. Auch die begehbare Installation Leuchtturm für Lampedusa am Jorge-Gomondai-Platz im Jahr 2016 widmete sich dem Thema Flucht. Und schließlich legten im Flüchtlingsboot Al-hadj Djumaa 70 Kupferskulpturen am Neustädter Hafen an. Alle Arbeiten appellieren unmittelbar an Gefühl und Moral. Vielleicht unterfordern sie damit auch. Denn dass es Tod und Leid in Aleppo und auf dem Mittelmeer gibt, wissen selbst die Pöbler unter den Dresdnern. „Lampedusa, die sollen uns mit ihrem Lampedusa in Ruhe lassen!“, schimpfte eine Rentnerin am Ort der Installation. Ihr Schimpfen korrespondiert mit der Frage: „Was hat das mit uns zu tun?“ Und tatsächlich ließe sich fragen: Hat Lampedusa mit Dresden mehr zu tun als - sagen wir – mit Hamburg, München oder Frankfurt? Und wenn sich das von den Dresdnern eingeforderte Mitleid vor allem auf das menschliche Leid bezieht, drängt sich ein (sicherlich zynischer) Whataboutism regelrecht auf: Und was ist mit dem Leid der Rohingya und der Hungernden in Jemen? Was ist mit Somalia oder dem Südsudan? Die Fälle zeigen ja auch die Grenzen des Mitleids, oder jedenfalls des politischen Handelns, das daraus erwächst.

 

Ganz am Rande ließe sich zudem die Frage stellen, ob die Kunst hier politisch ist, oder ob sie auf beinahe kitschige Art moralisiert; ob sie sich nicht zu sehr auf Gesellschaftspolitik kapriziert, ob sie darüber nicht auch das genuin Künstlerische vernachlässigt. Also vielleicht auf das Element der Verwandlung verzichtet. In vielerlei Hinsicht offener und spannender wirkte da die Inszenierung des Schauspielhauses auf dem Theaterplatz: Die Stunde da wir nichts voneinander wussten. Anspielungsreich war das Stück der Bürgerbühne Dresden, das auf dem ehemaligen Adolf-Hitler-Platz aufgeführt wurde. Keineswegs unpolitisch war es, traten doch mehr oder weniger direkt Frauke Petry und Björn Höcke als audiovisuelle Zitatengeber auf. Aber gerade in dem spielerischen Element und der Anverwandlung der Zeichen berührte es auf einer tieferen intellektuellen Ebene.