Oh, wie unterhaltsam

Die Autorin Julia Korbik hat mit Oh, Simone  eine unterhaltsame Einführung in Leben und Werk von Simone de Beauvoir geschrieben. Beauvoir, die nie ein geschlossenes philosophisches Werk schaffen wollte, leistete etwas viel Wichtigeres, indem sie kurzerhand die Existenzgrundlage des Patriarchats ins Wanken brachte.

Als Teenagerin stieß die Journalistin Julia Korbik bei der Recherche für einen Schulvortrag zu Jean-Paul Sartre auf ein Foto, das ihn und eine Frau mit leicht verwegenem Turban zeigte: Gestatten, Simone de Beauvoir. Die kleine Anekdote zur Einführung ins Buch erinnert mich an meine ganz eigene Erstbegegnung mit Beauvoir im Teenageralter. Vielleicht ist es das beste oder schlechteste Alter, um zum ersten Mal mit existenzialistischer Philosophie in Kontakt zu kommen. Weil beim Anblick des aknebetroffenen Antlitzes das Leid am Da-Sein sozusagen greifbar wird.

 

Mein Exemplar Beauvoirs wohl einflussreichsten Textes, Das andere Geschlecht, ist inzwischen vergilbt (tempus fugit), doch enthält es nach wie vor hunderte Klebezettelchen mit Vermerken wie „Ja! Zitat!!“. Vielleich ein bisschen viel Begeisterung für ein Buch, das „Sitte und Sexus der Frau“ zum Thema macht? Aber Beauvoir ist eben nicht irgendeine Autorin. Das mag der Grund sein, warum mich der Untertitel von Julia Korbiks Buch beinahe erschrak: „Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten“. Bis dato war ich mir nämlich gar nicht bewusst gewesen, dass man sie nicht mehr liest.

Oh, Simone jedenfalls diagnostiziert eine gewisse Distanz zu Beauvoirs Werk und will Abhilfe schaffen. Es ist eine heitere Einführung in ihr Werk und präsentiert uns die Intellektuelle als vielschichtige und widerspruchsvolle Persönlichkeit, kurz: als Mensch. Tatsächlich ist eine der Intentionen des Buches, Beauvoir solchen Lesern zugänglich zu machen, die sie bisher noch gar nicht gelesen haben.

 

Die Gliederung des Buches lädt durchaus zum Querlesen ein. Seine Kapitel widmen sich Beauvoirs Biografie und Herkunft, dem Leben mit Sartre, ihren Texten und den ausgetragenen Kämpfen mit Konventionen. Erwähnt Korbik andere Philosophen und Literaten im Text, widmet ihnen das Buch einen kleinen Kastentext, der Werk und Wirkung erläutert. Die Kästen sind wohl auch Reminiszenzen an das gute alte Lehrbuch, das Stoff für Schüler in kleinen Lerneinheiten aufbereitet. Ganz sicher sind junge Leser eine Hauptzielgruppe des Buches. Stellenweise ist es wohl auch deswegen zu didaktisch. Man schmunzelt anfangs noch, wenn die Autorin Erklärungen für Begriffe wie „Transzendenz“ anführt und ist dann schließlich doch etwas genervt, wenn sie den Begriff „Toilette“ in seiner älteren Bedeutung als „Körperpflege“ erläutert.

 

Durchaus in Internetblog-Manier – der Text ist schließlich das Produkt des Blogs der Autorin – werden kleine unterhaltsame Listen eingestreut. „Simone in 14 (überraschenden) Fakten“. Man lernt die Intellektuelle auf diese Art gut genug kennen, um beim nächsten Smalltalk einen interessanten Fakt einfließen lassen zu können. Bisweilen gerät diese durchaus unterhaltsame Einführung etwas zu oberflächlich. Das wird nicht nur deutlich in seinen Ausführungen zum Existenzialismus oder Strukturalismus. Es zeigt sich auch in Sätzen wie: „Simone trennt das biologische Geschlecht von der sozialen Rolle und begründet damit das heutige Konzept von sex und gender.“ Natürlich ist diese Trennung grundlegende Prämisse von „Das andere Geschlecht“, aber Beauvoir hebt dieses Konzept nicht aus dem Nichts. Tatsächlich liegt der Grundstein für diese Trennung an den Wurzeln der ersten Frauenbewegung, die von Anfang an zwei grundverschiedene Strömungen beinhaltete: Differenzfeminismus und Gleichheitsfeminismus. Während der Differenzfeminismus die prinzipielle Andersartigkeit der Frau betont, vertritt der Gleichheitsfeminismus die Ansicht, Mann und Frau seien von Natur aus gleich. Es seien die sozialen und kulturellen Prozesse, die aus einer Frau eine Frau machen.

 

Beauvoir begründet also nicht die Trennung zwischen Sex und Gender; sie sorgt aber ganz sicher für eine spektakuläre Zuspitzung: Man wird nicht als Frau geboren, man wird es. Julia Korbik hebt völlig richtig hervor, dass Beauvoirs berühmtester Satz mit „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.“ in Deutschland falsch zitiert wird. Diese Passivkonstruktion aber stilisiert die Frau zum Objekt und Opfer männlicher/ gesellschaftlicher Machenschaften. Beauvoir aber nimmt auch die Frauen in Verantwortung. Heute ist diese Beteiligung des Subjekts an den Prozessen der Formung und Ausbildung geschlechtsspezifischen Verhaltens Commonsense in den Gender Studies. Man spricht von „doing gender“. Der Begriff hebt den performativen Charakter von Geschlecht hervor. Vermeintlich geschlechtstypisches Verhalten werden nicht einfach von außen aufgezwungen. Es findet eine aktive Aneignung bestimmter Eigenschaften durch das Individuum statt. Gerade das aber ermöglicht auch den Bruch mit Geschlechterrollen.

 

Das andere Geschlecht nimmt die Frau stark in die Pflicht, indem es sie zum Hinterfragen der angenommenen Geschlechterrolle auffordert. Beauvoir sieht die Frau nicht als passives Opfer der Verhältnisse, sondern durchaus als Komplizin der patriarchalen Verhältnisse. Das mag übrigens ein Grund sein, warum es im gegenwärtigen feministischen Diskurs keine so große Rolle spielt.

Beauvoir beschreibt das klassische Verhältnis von Herr und Knecht à la Hegel: Erst, indem der Knecht den Herrn als solchen anerkennt, konstituiert er dessen Rolle als Herr. Mit harten Worten kritisiert Beauvoir die jungen Frauen ihrer Zeit, die das Arbeitsleben oft genug nur dazu nutzen, einen Mann kennenzulernen, statt berufliche Ambitionen zu verfolgen. Sie ist dabei nicht so naiv zu ignorieren, dass sich den Frauen ihrer Zeit weniger Möglichkeiten bieten als den Männern, und dass Männer durch ökonomische und soziale Differenzen Vorteile genießen. Umso wichtiger ist der Wille der Frau, die Verhältnisse zu überwinden.

Es ist entscheidend, Beauvoirs Feminismus vor dem Hintergrund der existenzialistischen Philosophie zu betrachten: Sie spricht der Frau den Subjektstatus zu, den ihr die patriarchale Kultur als die andere, als Objekt, gegen das sich das Subjekt Mann erst konstituiert, abspricht. Sie fordert von der Frau aber auch, genau diese Subjektrolle anzunehmen. Beauvoirs existenzialistisches Subjekt erlebt seine Geworfenheit ins Dasein, der es in jeder Situation entgegentreten muss. Indem das Subjekt sich Ziele setzt und Entscheidungen trifft, wird die Transgression der Verhältnisse möglich. Nur überfordert die Überwindung von Grenzen Mut und Radikalität. Eine Radikalität, die Beauvoir unter anderem dadurch bewies, dass sie auf ein bürgerliches Leben mit Kind, Küche und Katholizismus verzichtete.

 

Dass ihre Radikalität Grenzen kannte, dass sie an der Seite Sartres vielleicht doch eine zu traditionelle Frauenrolle annahm, ist dann als Vorwurf auch nur bedingt berechtigt. Denn vielleicht zeigt das Beispiel ihrer Namensgenossin Simone Weil, der Beauvoir noch zu Studienzeiten begegnet (auch hiervon erzählt Korbik), dass die radikalste Form der Grenzüberschreitung, wie sie sich in Weils Kampf für das Proletariat zeigte, letztlich auch zur Selbstzerstörung, zur Vernichtung des Subjekts führen kann. So weit kam es im Falle Beauvoirs zum Glück nicht. Beauvoirs Schriften weisen den Weg zu einem starken Subjekt und einem Frausein, das die Grenzen des aufoktroyierten Daseins sprengt.