Marlies will eine Endung

Mit der korrekten Endung gestaltet sich im Leben vieles leichter
Mit der korrekten Endung gestaltet sich im Leben vieles leichter

Marlies will kein Kunde sein; Marlies möchte von ihrer Bank als Kundin bezeichnet werden. Nicht nur auf den Formularen ihrer Sparkasse. Ich kenne Marlies Krämer nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass sie im Laufe ihres Lebens viel Geld auf die hohe Kante ihrer Bank gelegt hat. Und dann kommt sie nach vielen Jahren mit der Bitte: Sprecht mich doch als Kundin an. Findet die Bank nicht gut, weil zu umständlich. Ich vermute, dass man es nie zu umständlich fand, Marlies Krämer zu später Stunde anzurufen, um sie über neue Sparmodelle und aktuelle Zinssätze zu formulieren. Zinsen sind eben das Kerngeschäft einer Bank. Kundenwünsche nicht.

 

Man könnte Marlies Krämers Gang vor den Bundesgerichtshof und ihren Versuch, eine Endung einzuklagen, für eine moderne Version des Kohlhaas’schen Kampfes gegen eine banale Ungerechtigkeit empfinden und sich fragen: Liebe Marlies, warum so wütend? Aber Marlies ärgert sich zu Recht.

 

+++++ Kleiner Umschnitt +++++ Neulich verbrachte ich den Abend mit den sehr intelligenten und eloquenten Bandkollegen meines Freundes und wir sprachen über das „Gendern“. Ich fand nämlich, dass die gewöhnliche Fan-Ansprache meines BFs in Form von „Hallöchen, ihr Schwengel“ zwar sehr witzig, aber eben auch radikal exklusiv ist. Nun mag ich es aber nicht, ausgeschlossen zu werden. Notfalls würde ich mir demnächst einen Strap-on umschnallen, kündigte ich an, um endlich auch ein Teil der schwengelschwingenden Fangemeinde zu sein. *Penisneid* Die Ansprache Schwengel*Innen wäre doch eine schöne Lösung, fand ich, die Herren stimmten schmunzelnd zu. Nur kippte die Zustimmung schnell in allgemeine Verstimmung, als die Herren befanden, dass das permanente Anfügen der Endung -in außerhalb der Fanansprache eigentlich umständlich und in jedem Fall unnötig sei.

 

Dann graulten die Herren ihre üppigen Metaller-Bärte und stellten fest, dass mit „Architekt“ oder „Pädagoge“ in jedem Fall auch Frauen gemeint seien. Man habe es sprachlich nur gerne bequem. Überhaupt habe die Sprache ja ihre Regeln. Da wurden also grobe Kerle zu feinsinnigen Linguisten, die auf die Differenz von Genus und Sexus in der Grammatik bestanden.

 

Der permanente Verweis auf die Regularien der Grammatik ist natürlich ein denkbar schwaches Argument. Grammatik ist kein Naturgesetz, keine allzeit gültige Naturkonstante, sondern ein von Menschen geschaffenes und im täglichen Sprachgebrauch wandelbares Werkzeug. Man lese einmal einen mittelhochdeutschen Text und notiere sich jede grammatikalische Änderung bis einem schwindelig werde. Dann würde erkennbar, dass Sprache „nicht schon immer so war“. Die englische Sprache beispielsweise entledigte sich in den letzten fünfhundert Jahren der für die germanischen Sprachen so typischen Komplikation mit dem Genus, nicht zu ihrem Nachteil. Und das Anfügen einer Endung, sprachlogisch korrekt oder nicht, soll im Deutschen so schwer sein? Ein wenig gerieten die Herren in die Defensive, was wohl auch an meinem, jedenfalls vom BF beanstandeten, aggressiven Tonfall lag (man hüte sich vor wütenden Frauen!). Fast jeder ihrer Sätze begann nun mit den Worten „Ich bin kein Sexist...“ und endete mit der Feststellung, dass das ganze Thema irrelevant sei.

 

„Irrelevant für dich als Mann!“, entgegnete ich. Denn das ist der springende Punkt. Vielleicht ist es für den Architekten oder Sozialpädagogen irrelevant, ob seine Kollegin eine eigene Endung bekommt. Wenn die Endung doch aber für Marlies oder Marlen oder Monika wichtig ist, warum sollen wir sie nicht bekommen?

 

+++++ An dieser Stelle folgte übrigens ein minutenlanger Rant meinerseits über typisches Männerverhalten, zu dem es auch schon mal gehört, ein Thema für irrelevant zu erklären, weil es nur fünfzig Prozent der Menschheit betrifft, oder kurzerhand das Thema wechseln zu wollen, obgleich ich noch lange – lange! – nicht fertig war. Was mit dem Verweis auf eine unzulässige und ungerechte Verallgemeinerung beantwortet wurde +++++

 

Wie wäre es umgekehrt, wenn wir ab jetzt von „Herr Architektin“ redeten? Wäre das nicht auch eine denkbare Lösung? Ein Vorschlag zur Güte? Nein nein, solch eine Ansprache habe ja keinerlei Tradition. Ach so. [Merke: Kein Mann will sprachlich zur Frau gemacht werden.]

 

Der ebenfalls angeführte Verweis, dass es wichtigere Frauenprobleme gäbe, ist auch nicht hilfreich, denn es stellt sich doch die Frage nach der Verbindung zwischen sprachlicher Repräsentation und der Formulierung von Frauenanliegen in Politik, Ökonomie und Gesellschaft. Wie sonst, wenn nicht in der Sprache, sollen diese Anliegen formuliert werden? Ja, wir müssen unbedingt über Löhne und Renten reden, nur: in welcher Sprache? Die Sprache ist hier kein Nebenwiderspruch, der sich nach der Lösung des Hauptwiderspruchs wie von selbst erledigt. Die Sprache steht am Anfang und strukturiert unsere symbolische Ordnung. Marlies Krämers Forderung ist dann auch ein symbolischer Kampf. Und es ist eigentlich nur folgerichtig, dass ihr diese symbolische Genugtuung verweigert wurde. Bilden wir uns nicht ein, dass wir faire Löhne oder gerechtere Rentenregelungen für Frauen bekommen – Dinge also, die etwas kosten –, solange uns sogar eine läppische Endung verwehrt wird.