An diesem Tag

Ihre Schuhe waren ruiniert und würden es bleiben. Warum hatte sie ausgerechnet diese Schuhe, helles Veloursleder, Sechszentimeterabsätze, für heute ausgewählt? Nicht nur die Schuhe waren nun ruiniert; der ganze Tag würde es sein. Denn sie würde an diesem Tag in diesen Schuhen unterwegs sein und auf Arbeit erscheinen.

Der Junge stolperte an ihrer Seite; sie bemerkte es und hielt ihn nun noch fester bei der Hand.

»Wir sind gleich da!«, sagte sie, während sie ihren Blick an einen Hauseingang, der in der Ferne sichtbar wurde, heftete.

Der Junge verstand, dass der Satz nicht ihm gegolten hatte. Er zählte die Schritte. Sechsundachtzig. Das war eine beinah endlose Litanei aus Klick-Klacks der mütterlichen Absätze, wie beim Ping-Pong vor- und zurückgespielt von den eng gegeneinander aufragenden Gebäudefassaden.

Maria bemühte sich jetzt, das Absatzstakkato mit aller Macht zu unterdrücken. Vielleicht konnte sie auf den Ballen laufen, das Aufsetzen der Hacken auf dem Gehweg vermeiden; sie würde das im Haus tun, wo das Geräusch ihrer klackenden Absätze die Nachbarin des Vaters aufschrecken würde. Aufschrecken war wohl das falsche Wort. Maria glaubte, dass die Nachbarin ständig hinter der Tür lauerte, nicht um zu lauschen, oder vielleicht doch, aber doch nicht nur; es war nur ihre ganz eigene Unterhaltung. Frau Bogusch sah nicht gerne fern. Das jedenfalls hatte sie Maria einmal gesagt, und Maria hatte keinen Grund, an der Behauptung der Frau zu zweifeln. Warum sollte sie falsche Auskunft geben über Dinge, die eigentlich niemanden kümmerten; wen interessierte es schon, ob jemand gern fernsah oder nicht?

Das war ein langer Gedanke gewesen, und Maria hatte Mühe, all die anderen Gedanken zu finden, die ihr beim Denken entwischt waren. Sie öffnete die schwere Haustür und trat ein. Zu laut, denn schon hörte sie oben im ersten Stock das leise Quietschen der Nachbarinnentür. Sie sah die Frau, die sich so weit wie möglich über das Treppengeländer hinunterbeugte.

Maria nickte der alten Frau mit dem kleinen runden Gesicht zu. Es war ein ganz und gar deplatziertes Gesicht auf einem Körper, der zu seinen Knöcheln hin breiter und ausladender wurde, als zöge die Schwerkraft Wasser in ihren Beinen zu Boden, immer abwärts, am weiteren Absacken gehindert nur von den Knöcheln, an denen sich die Wasserdepots stauten.

»Schlechtes Wetter haben wir heute«, sagte Maria.

Die alte Frau nickte. Maria stieg die Treppe empor, blieb vor der nächsten Tür stehen, schob den Schlüssel ins Schloss.

»Hier bin ich also«, rief sie durch die halbgeöffnete Tür in die Wohnung.

Dann Stille. Weil Maria sich nicht bewegte, rührte sich auch der Junge nicht.

Warum hatte sie ausgerechnet diese Pumps ausgewählt, ausgerechnet heute? Das dachte nicht der Junge, das hätte sie denken müssen; sie dachte jetzt aber nicht mehr, stand nur still. Wie lange hatte sie nun hier gestanden?

»Bist du zu Hause?«, rief sie in die Wohnung hinein.

Rasch erschien ihr diese Frage unsinnig. Sie entschied, einen Schritt in Richtung der Tür zu machen, zunächst einen zaghaften. Der Schritt aber hatte ihr Mut gemacht, und nun schritt sie zuversichtlich nach vorne, griff nicht nach der Klinke, legte die handschuhfreie Hand stattdessen an das Türblatt und verlieh der Tür einen Impuls, der sie zur Öffnung bewegte.

Maria hielt jetzt die Luft an.

Er war ganz sicher tot. Sie hatte zu lange die Luft angehalten und musste ganz plötzlich und scharf einatmen. Erst in den Mund, dann, mit Mühe und nicht wenig Widerwille, bis tief in die Lungen hinein.

Sie bewahrte die Fassung, schwankte nur kurz.

Da erklang Frau Boguschs Stimme: »Ist etwas passiert?«

Maria hatte die Tür nicht geschlossen. Das Gesicht, das kleine runde, hatte sich durch den Türspalt geschoben.

„Ich dachte, ich hätte etwas gehört«, sagte Frau Bogusch.

Maria fragte sich, was die Frau denn gehört haben mochte bei all der Stille; ihren Atem ganz sicher nicht.

»Ich – es ist – ich denke, wir brauchen einen Krankenwagen. Nein, die Polizei vielleicht.«

»Aber was? Ach Gott, ach Gott«, stotterte Frau Bogusch und eilte zurück ins Treppenhaus.

Jetzt geschah etwas in dem Jungen. Weil er vermutete, dass die Mutter sich erneut bewegen würde, setzte er unsicher Fuß vor Fuß, schritt in Richtung der Wohnungstür und verfolgte mit seinen Blicken die Nachbarin, die bereits die Treppe hinuntereilte, wobei die Wasserdepots ihrer Beine um die Gelenke schwappten. Der Junge aber hatte die falsche Wahl getroffen und stand der Mutter, deren Augen nur kurz am Leichnam des Vaters Halt gefunden hatten, im Weg, nun, da sie ebenfalls in Richtung des Hausflures strebte. Er stolperte beiseite, blieb für einen Moment ungerührt stehen, entschloss sich dann, dem Großvater im Wohnzimmer Gesellschaft zu leisten.

Der Großvater sah blass aus. Die braungelbe Haut hatte sich fahlgraublau verfärbt. Aus seinem halbgeöffneten Mund ragten die gelbbraunen Zähne gut sichtbar hervor. Der groteske Anblick des halb zum Lächeln erstarrten Mundes zauberte dem Jungen ein überraschtes Schmunzeln auf die Lippen.

Maria lächelte nicht. Sie war von der Nachbarin an deren Küchentisch platziert worden und schämte sich. Schämte sich, weil sie der Tod des Vaters nicht traf, weil sie sich nur betroffen fühlte von dem Umstand, dass sie nun, da der Vater tot war, seine Angelegenheiten würde regeln müssen.

Der Junge im Stockwerk über ihnen inspizierte den Körper des Großvaters sorgfältig. Er legte seine Finger auf den großväterlichen Arm, der erstaunlich weich war, griff die erschlaffte Haut zwischen Daumen und Zeigefinger und zog. Sie blieb stehen, ganz kurz nur.

»Was tust du denn da?«

Die Worte der Nachbarin hatten ihn aufgeschreckt; reflexartig zuckte er die Schultern.

»Komm mit mir!«

Einen letzten Blick noch warf er auf den Großvater.

»Frau Bogusch hat Tee gekocht«, sagte Maria mechanisch, als der Junge neben ihr platziert wurde.

»Die Polizei ist sicher gleich da«, murmelte Frau Bogusch in die Stille des Raumes hinein. Weil sie die Stille bemerkt hatte, legte sie nun einen Finger an den Lautstärkeregler des Radios, hielt jedoch inne.

Der Junge schloss die Augen. Das Bild des Großvaters verfolgte ihn noch immer. Dass der Großvater stumm geblieben war, verwunderte ihn. Ihn verwunderte auch seine Verwunderung, denn er war doch alt genug. Alt genug, um zu verstehen, dass Menschen, die gestorben waren, nicht mehr redeten.

Dass der Vater jetzt schwieg, schockierte Maria überhaupt nicht. Er hatte ja immer geschwiegen. Für einen Moment dachte sie, er müsse jetzt, nach dem Tod, doch gesprächig werden, musste lachen bei dem Gedanken, und erschrak so sehr, dass sie hastig einen Schluck von dem zu heißen Tee nahm. Tastend legte sich ihre Zunge an die wunde Stelle in ihrer Mundhöhle, an deren Rändern das Fleisch in winzigen Fetzen hing.

Es klingelte an der Tür; Frau Bogusch eilte den Polizisten entgegen.

»Es geht hier entlang«, hörte Maria die Nachbarin sagen.

Die Beamten verweilten nur kurz in der Wohnung; schon näherten sich die Schritte erneut dem Untergeschoss.

»Guten Tag, unser Beileid. Wir werden jetzt den Bestatter rufen.“

Maria mochte die Effizienz der Männer und freute sich, dass die Sache vielleicht doch erstaunlich schnell aus der Welt geschafft würde, und sie noch pünktlich, ach was, nicht allzu spät auf Arbeit ankäme.

 »Frau Bogusch, dürfte ich wohl einmal telefonieren?«

»Bitte, bitte doch!«

Es war ein kurzes Telefonat. Maria erklärte ihrem Kollegen, dass sie den Vater beim Betreten der Wohnung tot aufgefunden hatte. Er versicherte ihr, mit leicht belegter Stimme, dass sie für heute natürlich nicht auf Arbeit würde erscheinen müssen, dass sie sich gerne bis morgen freinehmen dürfe. Also hatte die Sache doch nicht nur Nachteile, dachte Maria, vermied jedoch ein sichtbares Lächeln.

»Muss ich noch etwas tun?«, fragte Maria einen der Beamten.

»Das hat alles bis morgen Zeit«, entgegnete der Polizist mit fester Stimme.

»Ja, das hat es gewiss«, sagte Maria und blickte auf ihre Schuhe.

Sie waren ja doch nicht gänzlich ruiniert.