Der Cinderella-Schuh

Letzten Sommer in Krakau begegneten sie mir als Versuchung. Da standen sie, im Schaufenster eines der stylischen Vintageshops. Zwischen all den anderen Versuchungen – den Pierogi und Entenkeulen (Im Sommer!? Aber sicher!), den Teilchen und den Torten (Oh, den Torten!) versprachen sie eine gänzlich andere Form der Verheißung: Boots, sieben Zentimeter hohe Absätze, aus komplett durchsichtigem Kunststoff gefertigt. Cinderella-Boots, nur wartete kein Prinz hinter der Scheibe aufs Fitting.

Die Boots erinnerten mich nur ganz entfernt an das, was ich einige Monate zuvor auf dem Laufsteg bei Chanel gesehen hatte. Die Chanel-Boots der Frühjahr-/Sommer-Kollektion 2018 waren Overknees aus Plastik. Komplett durchsichtig, bis auf die Zehenspitze, die wahlweise schwarz oder weiß gefärbt ist – in den klassischen Chanel-Farben also. Für 900 Euro könnten sie mir gehören. So viel Geld für Plastik auszugeben, wäre natürlich Wahnsinn. 


Spätglobale Dekadenz?

Es muss einem ja zu denken geben, wenn ausgerechnet das Luxuslabel Chanel – und im Nachgang auch zahlreiche andere Designer – auf einen eigentlich billigen und auch stilistisch als „cheap“ verschrienen Rohstoff zurückgreift. Ein wenig fühlt man sich an Marie Antoinette erinnert, die sich in ihrem Lustgarten gerne als Schäferin verkleidete. Man muss es sich leisten können, sich in billige, einfache Materialien zu kleiden. Ist man mit genügend symbolischem Kapital ausgestattet wie die Models, Modeblogger und It-Girls, kann man auch billigstes Material tragen, ohne billig zu wirken.

 

Zugegeben, in einigen Jahrzehnten wird Plastik ein Luxusgut sein, eben weil Öl als Herstellungsrohstoff ein sehr knappes Gut sein wird. Werden die Reichen und Schönen sich nur noch in Plastik kleiden, als Zeichen spätglobaler Dekadenz? Der Plastikschuh stellt uns vor die Frage, warum wir etwas, das sich ebenso gut mit besser recyclebaren Materialien herstellen ließe, ausgerechnet in der am wenigsten „nachhaltigen“ Form hergestellt wird. Nachhaltig ist übrigens ein schönes Wort. Denn halten, das tut der Kunststoff, Jahrhunderte lang. Nichts da mit Verrotten, Kompostieren, Zerfallen. Irgendwann wird er zerbröseln und aller Voraussicht nach als Mikroplastik in den Meeren landen.

 

Mode hat immer schon diese dekadente, fast verantwortungslose Komponente. Krokodillederhandtaschen hier, Pelze da. Kaum schwören einige Designer auf den Verzicht von Materialien, die Tierleid verursachen, geht der Wahnsinn in die nächste Runde.

 

Nun gibt es, zum Glück, nicht viele Milliarden Menschen, die sich Designer-Stiefel aus Plastik leisten könnten, nur werden Trends eben nach „unten“, also den Normalverbraucher weitergereicht. Hier erst werden sie wirksam; hier dürfen sie uns an die PVC-Schühchen erinnern, die kleine Mädchen oder Jungs in meiner Kindheit in Schwimmbädern trugen. Kleine Plastiksandalen in Rosa oder Gelb, die vor dem Ausrutschen bewahrten und immerhin mit genügend Löchern versehen waren, um Hautatmung zu garantieren.

 

Hautatmung, das Stichwort! Der Plastikschuh ist auch die Feier des denkbar ungeeignetsten Modematerials schlechthin. Denn während Pelz zwar ethisch fragwürdig, aber am Ende eben doch angenehm wärmend und flauschig ist (bitte steinigt mich nicht!), lässt sich im Falle des Plastikschuhs eben kein Tragevorteil erkennen. Wäre da nicht die durchscheinende Qualität.

Die Tücke des Fetisch-Objekts

Sie kündet vom Verhältnis zwischen Körper und Schuh. Der durchsichtige Schuh macht den darunter liegenden Körper sichtbar. Er umkleidet ihn, ohne ihn zu bedecken. Im Grunde ist er das Schuhäquivalent zum Dessous, das gerade mit dem spärlichen Verdecken spielt. Der durchsichtige Schuh macht das wahlweise nackte oder bestrumpfte Bein sichtbar, zugleich bildet er eine zusätzliche Hülle: Aber er ist ja gar nicht nackt. Auch, wenn er so aussieht.

 

„Bei den weiblichen Silhouetten geht es nur um Beine, Beine, Beine“, stellt Barbara Vinken in ihrem Buch Angezogen fest. Tatsächlich treibt der durchsichtige Schuh das Sichtbarmachen des Beines (das sonst eher durch die Verkürzung des Rockes möglich wird) auf die Spitze: Bildet der Schuh sonst ein Element, das visuell das Bein tendenziell verkürzt, weil es die Gestalt des Beines optisch sprengt, zeigt sich das Bein als kontinuierlich und potenziell endlos im durchsichtigen Schuh.

 

Vinken meint, dass es „keine weibliche Mode ohne das erotisierende Spiel zwischen Stoff und Haut“ geben kann. Die Stofflichkeit dieses Schuhs ist eine besondere: Sie gaukelt Schmiegsamkeit und Elastizität vor, wo er eigentlich starr und erstaunlich unflexibel ist. Sie suggeriert Nacktheit, wo der Fuß viel mehr trägt, als in einer luftigen Sandale. Zugleich ist PVC wie Latex ein Material, das als Bekleidungsgegenstand recht schnell ins Feld der Fetisch-Fashion überleitet.

 

Der Glanz, der für sich schon ein Fetisch sein kann (man denke an Freuds furiose Herleitung der Bedeutung des „Glanzes auf der Nase“ als fetischistische Bedingung eines jungen Manns von engl. „glance“, in der er aber seltsamer Weise vergisst, dass „Glans“ auch Eichel meint... aber das ist ein anderes Thema!).

 

Jedenfalls spielt der Glanz bei vielen Fetischobjekten eine wichtige Rolle, und im Falle des Schuhs betont er die Künstlichkeit und Objekthaftigkeit des Schuhs. Er ist nicht nur Ding, schon gar nicht Ding an sich, sondern als Objekt der Begierde übercodiert: Als Fetisch- und Fashionobjekt, als Gegenstand, der nicht nur die Künstlichkeit der Mode, sondern auch die Objektwerdung des Frauenkörpers, der Mode trägt, hervorhebt.

Die Geschichte der weiblichen Mode erzähle von „Entfremdung, Verdinglichung und Fetischisierung“, meint Vinken. In diesem Schuh wird sie auf die Spitze getrieben.

 

PVC ist obendrein ein Material, das häufig bei der Herstellung von (Sex)Spielzeug und Puppen zum Einsatz kommt. Ist der Fuß plastikbeschuht, verwandelt er sich selbst in den Fuß einer Puppe. Dieser immerhin könnte den alten Traum der Mode, Zeit passé zu machen, in dem der Körper der Trägerin als alterslos codiert wird, verwirklichen.

 

Aber kehren wir zu meinem Krakauer Schuh zurück.

Einige Tage lang starrte ich ins Schaufenster, betrat schließlich den Laden, verließ ihn wieder.

„OH, ich würde sie zu gerne anprobieren“, wisperte ich, während ich ins Schaufenster starrte.

„Nur zu, die sind wie für Sie gemacht!“, antwortete eine fremde Stimme neben mir, auf Deutsch, es war ein Zeichen. Ein Mann, er grinste.

„Die sind garantiert nicht meine Größe!“, redete ich mir ein.

39. Sie passten wie angegossen. 40 Euro. Bezahlbar. Gekauft.

 

Nun steht er in meinem Schrank, ungetragen. Bei welcher Gelegenheit sollte man ihn auch tragen? Bequem ist er nicht. These boots aren’t made for walking. In jedem Fall machen sie eine perfekte Pediküre nötig, in die ich wahrlich selten Zeit und Geld investiere. Und in welcher Jahreszeit sollte ich den Schuh, in dem ein nackter Fuß steckt, denn tragen? Im Winter? Dann sind die Füße schwitzig und kalt. Im Sommer? Verwandelt sich der Boot in ein Schwimmbad. Man stelle sich nur mal den Anblick verschwitzter, mit Druckstellen überzogener Füße in Plastik vor. Eingeschweißte Schweinshaxe ist nix dagegen.

Ja ja, Cinderella trägt den Glasschuh. Aber er markiert sie nur, ist kein Alltagsobjekt.

 

Wie lange es wohl dauert, einen Plastikschuh einzutragen? Aber vielleicht geht es nicht darum. Die Schuhe sind, wie jede Form der Verheißung, nur in der aufgeschobenen Erfüllung eben das: verheißungsvoll. Angezogen wäre sie eine Tatsache, vermutlich eine sehr unbequeme. Der Schuh, ob nun gläsern oder aus Kunststoff, wartet als zu realisierende Möglichkeit im Schrank, gleich neben dem Lackrock und dem Samtkleid, die in der Imagination der Wahnsinn sind, aber angezogen an den Look von Sexarbeiterinnen oder 90er Jahre Grunge-Queens erinnern.

 

Nein, der Plastik-Boot wird im Schrank bleiben, wird warten, als Zeichen: Nicht als Zeichen für den Prinzen, dass seine Trägerin die Richtige, die einzig Wahre ist. Sondern als Zeichen und Mahnung für die Konsumentin: Da hast du deinen Plastikschuh, untragbar, eine Geldverschwendung, eine Verheißung, die never ever real werden wird. Monsieur Lagerfeld, sind Sie jetzt zufrieden?

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Zynisch, böse und gemein: Hier sublimiere ich meine Wut in Texte. Es geht um Feminismus und Gesellschaft und anderes Gedöns.

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