Der letzte Schrei der DDR-Kunst: Point Of No Return

Point of no return, Museum der bildenden Künste Leipzig
Frank Seidels "Stehende" nebst älterem Herrn, stehend, in Sandalen!

Es brauchte also erst einen Österreicher, um die ostdeutsche Kunstproduktion mit einem unverstellten Blick zu betrachten! Oder jedenfalls schadet es nicht, wenn ein „Ausländer“, wie Alfred Weidinger, Direktor des Museums der bildenden Künste in Leipzig, sich selbst nennt, einen neuen Blick auf ein Gebiet der deutschen Kunstgeschichte wirft. Herausgekommen ist die Ausstellung Point of No Return, die ostdeutsche Kunst und ihre Auseinandersetzung mit der Wende unter die Lupe nimmt.

 

Man scheut sich ja, in Fragen der Kunst von Superlativen zu sprechen, aber zu sehen sind die bisher kaum oder gar nicht gezeigte Kunstwerke von 106 Künstlern, einige davon dürften auch fleißigen Museumsgängern kein Begriff sein. Die Werke sprechen unterschiedlichste Bildsprachen, die Wände des Museums scheinen von Werken beinahe überzuquellen, keine Petersburger Hängung, aber fast, und man sieht: Hier sollte möglichst viel auf ohnehin großem Raum gezeigt werden. Nicht zum Schaden der Ausstellungsbesucher!

 

Ein verbindendes Element für die gezeigten Arbeiten, quer über Generationen und unterschiedlichste politische Haltung zum „System“ hinweg, gibt es: Die Suche nach individueller Freiheit unter den Vorzeichen systemischer Enge und fundamentaler Umbrüche. Die Schau zeigt Künstler und Werk im Transit-Zustand. 

Alfred Weidinger eröffnet die Pressekonferenz an diesem Morgen überraschend leidenschaftlich und engagiert. Er sei entsetzt gewesen, wie wenige Künstlermonografien und Überblickskataloge zum Thema vorhanden gewesen seien, als er begann, sich damit zu beschäftigen. Nicht nur die Zahl der Publikationen ist kläglich gering. In der Ausstellung wird deutlich, wie wenig ostdeutsche Kunst überhaupt musealisiert wurde. Der kleinste Teil der Arbeiten stammt aus musealen Beständen; der Großteil befindet sich in Privatbesitz, wurde teilweise von den Künstlern persönlich nach Leipzig gebracht.

 

Weil er sich als „Laie“ auf dem Gebiet betrachtete, holte sich Weidinger mit Paul Kaiser und Christoph Tannert zwei Experten für ostdeutsche Kunst ins Kuratorenboot. Der in Leipzig geborene Tannert ist Kurator, seit 1992 Projektleiter im Künstlerhaus Bethanien in Berlin und war als Akteur unmittelbar in die ostdeutsche Kunstszene eingebunden. Kaiser ist Kunst- und Kulturwissenschaftler, Leiter des Dresdner Instituts für Kulturstudien und löste mit einem Artikel den „Dresdner Bilderstreit“ aus. Damals warf er Hilke Wagner, Direktorin des Albertinums Dresden, vor, sie habe die Werke ostdeutscher Künstler zu Unrecht ins Archiv ihres Hauses verbannt. Kaiser offenbarte eine Angriffslust, die Tannert wohl eher fremd wäre. Trotzdem ist die Zusammenarbeit erstaunlich fruchtbar. Kein Wunder, ein gemeinsames Anliegen steht im Vordergrund: Die Arbeit von Künstlern der ehemaligen DDR in all ihrer Vielfalt darzustellen. Natürlich mangelt es dabei nicht an bekannten Namen wie Christine Schlegel, Einar Schleef oder Cornelia Schleime. Aber die Ausstellung beweist auch Mut zu Lücke. A. R. Penck, vielfach ausgestellt und repräsentiert, musste anderen Bildpositionen Platz machen.

 

Die Räume sind übrigens keineswegs unterteilt in „staatstragende“ und „oppositionelle“ Kunst. Sie führen stattdessen Künstler und Arbeiten über Themen zusammen. Alle drei Kuratoren betonen, dass es dreißig Jahre Abstand brauchte, um eine Ausstellung dieser Art zu ermöglichen. Eine also, die die Breite des künstlerischen Schaffens in den Fokus rückt, und nicht allein auf Kategorien von Moral und Politik rekurriert. Radikale Vielfalt wird dabei zum Programm, so vereint die Ausstellungen Arbeiten von Frenzy Höhne, die in den Wendejahren gerade einmal Teenagerin war, und Willi Sitte, dessen bissig-böse Arbeit Erdgeister (1990) die ostdeutsche Arbeiterklasse Kopf voran in den Boden stampft.

 

Frenzy Höhnes Neues Leben II (2018), eine Installation mit 9 leinengebundenen Ausgaben von „Weltall Erde Mensch“, jenem Buch, das DDR-Jugendliche als Jugendweihegeschenk erhielten, offenbart eine analytische Distanz zur DDR. In starkem Kontrast dazu sind viele Arbeiten aus den Wendejahren hochemotional, expressiv, geradezu eruptiv.

„Das ist ein Aufschrei“, sagt Weidinger mit Blick auf die Gesamtausstellung. Er erinnert an die Schicksale, die hinter den Werken stehen. Eine Vitrine illustriert das aggressive Vorgehen des Staates gegen Künstler. So wird der Haftbefehl gegen Frank Rub und der damit verbundene Stasivorgang ausgestellt. Zum Glück aber umschifft die Ausstellung das Risiko, zu stark auf Biografie und Schicksal zu fokussieren. Denn so tragisch die Verhaftungen und Ausweisungen für die Individuen waren: Ihre Kunst, allein unter diesem Vorzeichen betrachtet, würde eben ein zweites Mal in ihrer Wirkung beschnitten.

 

Ostdeutsche Kunst litt in den letzten Jahrzehnten ja unter zwei Arten der Ignoranz: Jener des Kunstmarkts nach 1989 und jener der Kunstwissenschaftler und Historiker, die das Feld nicht mit entsprechender Sorgfalt bearbeiteten. Alfred Weidinger setzt sich nun vehement dafür ein, dieses Feld der Kunstgeschichte zu erforschen, er mahnt, dass nur noch wenige Jahre verbleiben, die lebenden Künstler zu befragen. Allein in den letzten drei Wochen seien zwei Künstler verstorben. Er bringt unter anderem Stipendien für junge Kunstwissenschaftler ins Gespräch. Zugleich zeigt die Ausstellung, dass dem Kunstmarkt bisher ungehobene Schätze entgingen.

Auch Besuchern bietet sich die Chance, Werke wie den Passagen-Zyklus Doris Zieglers, der noch nie in seiner Gesamtheit gezeigt wurde, in einem Raum vereinigt zu sehen. Die Passagen sind beides, transitorische Räume, die sich in den Wendejahren auftaten, aber auch ganz realer Bezug zur Leipziger Lebenswirklichkeit: Bis heute nämlich hat sich die Leipziger Innenstadt das historische Passagensystem erhalten, das größte geschlossene System seiner Art. Achtung, Stichwort! Leipzig ist ein zutiefst symbolischer Raum für diese Ausstellung, ist es doch das Sinnbild für die Proteste der Friedlichen Revolution und als Messestadt Synonym für die „Weltoffenheit“ eines ziemlich geschlossenen Systems.

 

Dass Alfred Weidinger Leipzig in einem Jahr verlassen wird, ist durchaus ein Schlag für die Stadt und das Museum, das sich unter ihm stärker der Stadtgesellschaft öffnete, das ganze Haus in vielfältigsten Formen bespielt (auch Fahrstühle werden dabei zu Ausstellungsfläche) und zudem enorm publikumswirksame Ausstellungen zeigt – zuletzt die Yoko Ono-Schau, die Besucherrekorde brach.

 

Ob das auch für Point of No Return gilt? Weidinger betont, dass dies eine Ausstellung sei, die er nicht nach Zahlen beurteilen wolle. Es gehe allein um die Künstler.


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TheHoeBrags

Zynisch, böse und gemein: Hier sublimiere ich meine Wut in Texte. Es geht um Feminismus und Gesellschaft und anderes Gedöns.

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