Zum Muttertag: Die wirklich letzte Wahrheit übers Muttersein

marlen hobrack sheila heti
Die wirkliche Wahrheit des Mutterseins: Manchmal kommt man zum Lesen. Meistens trägt man Pantoffeln.

Der Muttertag ist kein Tag, an dem man als Mutter Wünsche äußern darf. Weil es ja kein Geburtstag ist. Und weil wir insgeheim alle wissen, dass der wirkliche Zweck dieses Tages ist, Kindern die Chance zu geben, ihr ewig nagendes, schlechtes Gewissen gegenüber ihrer Mutter zu besänftigen. Zu diesem Zwecke verschenken Kinder landauf, landab Blumensträuße von der Tanke oder (etwas kostenbewusster) aus der Netto-Blumenangebotsecke. Pinkfarbene Rosen für 3,99 Euro – der Knaller! Wie wird sich Mutti freu‘n.

 

Ob man bei kleinen Kindern überhaupt von einem schlechten Gewissen ausgehen darf, kann man indes bezweifeln, oder wie erklärt es sich, dass sie Makkaroni-Halsketten und windschiefe, selbst-blattgesägte Vogelhäuschen als adäquate Wiedergutmachung für 23 Stunden Wehen und lebenslange Hämorrhoiden-Beschwerden empfinden?

 

Aber zum Punkt: Der ist nämlich, dass ich einen Muttertagswunsch hege, nur richtet der sich weder an die Kinder, noch an die vermutlich dazugehörigen Väter; er richtet sich an die Mütter. Er regt sich immer dann, wenn ich in einer Eltern- oder Frauenzeitschrift einen Text lese, der sich dem chronischen Schlaf- und Auszeitenmangel der Mütter widmen. Viel zu häufig wird der Schlafmangel, der sogar durch Studien quantifiziert wurde, als eine quasi natürliche Nebenerscheinung des Mutterseins behandelt. Lächelnd bekunden Mütter in Zeitschriften, dass sie morgens „einfach“ eine halbe Stunde vor ihrer Familie aufstehen. Zum Beispiel, um mal in Ruhe eine Tasse Kaffee trinken zu können, die nicht kalt wird, weil das Kleinkind gerade „A-ah“ muss. Nichts gegen eine gute Arabica-Mischung, aber würde ich 5:30 Uhr dafür aufstehen?

 

Schon die Frage ist falsch. Die richtige Frage lautet: Steht der Mann morgens auch eine halbe Stunde eher auf, um mal „in Ruhe“ einen Kaffee trinken oder duschen zu können? Die Antwort lautet, vermutlich, nein. Wenn er all diese banalen und basalen Aspekte der Tagesroutine ohne eine weitere Reduktion seiner Schlafzeit meistern kann, warum dann nicht sie? Eben weil wir stets von einem naturgemachten Mütter-Dilemma ausgehen, statt die strukturelle Dimension des Problems zu betrachten. Die hängt nicht mit dem Vorhandensein von Nachwuchs zusammen, sondern mit der Verteilung der Aufgaben rund um unsere kleinen Scheißerchen.

Tragisch, aber was willste machen?

Schlimmer noch als Texte zum Thema sind übrigens Instagram-Bilder zur „Wahrheit“ des Mutterseins. Das wiederum scheint sich stets am Rande des Burn-outs zu bewegen. Man sieht dann eine offensichtlich fertige Mutter mit fettigen Haaren und einem kreischenden Baby auf dem Arm, umgeben von Unmengen von Spielsachen und einer Buchstabentafel, die aus dem Instagrambild ein Emblem formt. Hahaha, so ist die Realität der Mutterschaft. Tragisch, aber was willste machen?

 

Wenn man aber tagelang keine Zeit findet, zu duschen, die Haare oder die Wäsche zu waschen, dann zeigt es vor allem eins: Dass diese Mutter keinerlei Entlastung in ihrem Alltag erhält, weder durch einen Partner, (Schwieger)Eltern, Geschwister, Freunde usw. Wobei als Bild-Subtext irritierend hinzukommt, dass die Mutter Zeit hatte, sich und die Kinder entsprechend zu inszenieren, denn die Bilder sind keineswegs „Snapshots“, sondern sorgfältig ausgeleuchtet und inszeniert. Was also bedeutet, dass die Inszenierung dieser behaupteten „Normalität“ und „Wahrheit“ der Mutterschaft diese (zumindest in Teilen) erzeugt bzw. als unhintergehbare Norm perpetuiert.

 

Diese produzierte Norm zur „Realität“ der Mutterschaft zu erklären, behauptet, dass es keine Alternative gibt. Die so gedeutete „Realität“ erscheint nicht als das, was sie tatsächlich ist: Mutterschaft unter den Bedingungen ungleich verteilter Sorgearbeit. Oder etwas genauer: Mutterschaft im Umfeld der Klein- und Kleinstfamilie mit klassischer Rollenverteilung.

 

Was viele dabei noch immer nicht zu verstehen scheinen: Anders als Erwerbsarbeit, die irgendwann endet, nach acht oder zehn Stunden, und im Idealfall an Wochenenden und Feiertagen ausgesetzt wird, aber jedenfalls verpflichtende Pausen kennt, hört Sorgearbeit nie auf. Sie bedeutet nicht nur Zeitinvestment, sondern die physisch und psychisch permanent zehrende Verpflichtung einem anderen, relativ hilflosem Menschen gegenüber. Dass die Covid-19-bedingten Schul- und Kindergartenschließungen dieses System und seine Mütter nun vollends an den Rand des Kollapses bringen, überrascht da nicht. Man könnte natürlich noch ein bisschen eher aufstehen. Oder einfach gar nicht mehr schlafen gehen.

 

Übrigens, ein letzter Punkt der mir wichtig ist: Wenn ich hier Mütter adressiere, dann nicht, weil ich ein „Blame-Game“ spielen will, mit dem Mütter ohnehin schon ständig konfrontiert werden. Natürlich muss man an Partner, Arbeitgeber*innen und gesellschaftliches Umfeld Forderungen richten. Aber wenn „wir“ nicht bei uns selbst anfangen und die Messages überprüfen, die wir senden, dann wird unsere Botschaft bei anderen erst recht nicht ankommen. Muttis, wenn ihr schon früh aufstehen müsst, dann tut nicht so, als sei diese Sache alternativlos.

 


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Zynisch, böse und gemein: Hier sublimiere ich meine Wut in Texte. Es geht um Feminismus und Gesellschaft und anderes Gedöns.

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