Männer hassen: Eine Einführung

Ich war neugierig auf dieses Buch, das in seinem Titel so radikal erscheint, und ich erwartete mir eine Antwort auf die Frage: Warum hassen Frauen Männer? Die Frage klingt irritierend, weil sie den Hass als Fakt hinnimmt. Dass Frauen Männer hassen, das erscheint als Breitenphänomen eigentlich undenkbar. But here we are.


Ziemlich oft in meinem Leben dachte ich: Ich hasse Männer.


Es gibt einen typischen Moment, in dem dieser Gedanke in mir aufflackert. Immer dann, wenn ich von Formen furchtbarster Gewalt von Männern gegen Frauen (oder Kinder) lese, ist er einfach da. Bestialische Kriegsverbrechen, unvorstellbare Gewalt, die ihrer Form nach psychopathisch/psychopathologisch erscheint, aber systematisch angewandt wird (Foltergefängnisse beispielsweise), provoziert diesen Gedanken.

Der Gedanke erscheint mir gleichsam unheimlich. Handelt es sich um eine psychische Reaktion? Ich habe selbst nie Gewalt erfahren, wurde nie von einem Mann traumatisiert. Bedeutsam erscheint mir zudem, dass ich noch nie von einem konkreten Mann dachte: Ich hasse diesen Mann.

Woher kommt der Männerhass? Haben wir es mit einem kulturellen Phänomen zu tun?

Gerade diese Frage stellt Harmange nicht, im Gegenteil. Sie gibt sich oben beschriebenem Gefühl völlig hin. Sie rationalisiert das Gefühl des Hasses, nennt „triftige Gründe“ dafür. Männer sind demnach: „Gewalttätige, egoistische, faule und feige Wesen.“ Warum sollen „wir“ diese Makel akzeptieren, „während die Männer uns schlagen, vergewaltigen und töten“, fragt sie. (S. 11)

Bei Harmange erscheint der Hass nicht nur als natürliche Reaktion auf das Verhalten der Männer – sie beschreibt ihn auch als legitimes politisches Mittel. So gesehen ist der Hass kein Gefühl, sondern ein Instrument.

Der Feminismus oder die Frauen im Allgemeinen hätten sich zu lange zu freundlich gegenüber den Männern gezeigt. Man habe sachlich argumentiert oder Wünsche und Forderungen formuliert, sei damit aber gescheitert. Nun sei es an der Zeit, die Männer zu hassen. Dafür, wie sie sind. Unverbesserlich, brutal.

In gewisser Hinsicht erinnert das an Andrea Dworkin. Bei Dworkin ist der Mann ebenso das brutale Subjekt – jede Frau ein potenzielles Opfer, jeder Mann ein potenzieller Täter. Wann immer ich Dworkin lese, fühle ich mich gleichermaßen aufgeputscht wie irritiert von dem Hass (es ist keine Wut).

Dworkin galt stets als die Verkörperung der männerhassenden Feministin.  Und wenn Feministinnen der Dritten Welle etwas nicht sein wollten, dann so eine verbohrte Männerhasserin wie Dworkin (wobei Dworkin ja eine stabile Partnerschaft mit einem Mann unterhielt, und der vermeintliche Männerhass sich auf diese Beziehung mit einem konkreten Mann keineswegs auswirkte).

Auch wenn es komisch erscheinen mag: Dworkins Hass erscheint mir wie ein literarisierter Hass. Ihre Texte, die rhetorisch brillant gemacht sind, weil man nach dem Lesen gar nicht anders kann, als Männer zu hassen, schienen stets aus einer unterbewussten Quelle zu schöpfen. Einem Sub-Text, der bei der Leserin auf Resonanz stößt.


DARF MAN MÄNNER AUS POLITISCHEN GRÜNDEN HASSEN?


Der Hass auf Männer könne der Liebe für die Frauen die Tür öffnen, behauptet Harmange. Beinahe ist man gewillt, diese Äußerung symbolisch zu lesen: So erwähnt sie, scheinbar beiläufig, dass sie vielleicht nur deshalb mit einem Mann zusammenlebe, weil sie der gesellschaftliche Hass auf Homosexuelle dazu gezwungen habe (Harmange outet sich als bisexuell). Ist der „Hass“ als Mittel zur Abgrenzung von einem vermeintlich falsch gelebten Leben zu verstehen? „Ich sehe in der Misandrie einen Ausweg. Eine Daseinsform neben dem vorgezeichneten Weg, eine Möglichkeit mit jedem Atemzug nein zu sagen.“ (S. 13) Ist das ein Nein zum Mann, oder zur Heteronormativität, die er letztlich verkörpert? Männer zu hassen und doch mit ihnen zu leben, erscheint doch reichlich inkonsequent (again: Dworkin).

Abgesehen davon, dass es keinen zwingenden Zusammenhang zwischen dem Hass auf den Mann und der Liebe für die Frau gibt, müsste man Harmange in letzter Konsequenz fragen: Was tun mit dem Mann? Wenn auch ihr Liebster, der sich doch redlich bemüht, am Ende nur ein Mann bleibt, was machen wir dann mit dem Rest, der überhaupt nicht willig ist, sich zu bessern? (Seltsam, man gerät automatisch an eine Rhetorik des Strafens und Beherrschens).


„Es ist unbedingt in unserem Interesse, die beschränkte Rolle der sanften und friedliebenden, beinahe passiven Frauen abzulegen und zu fordern, dass die Männer sich bessern.“ (S. 39)

In diesem Punkt bleibt Harmange mutlos. Möchte sie uns keine radikale Lösung für unser Männerproblem vorschlagen? Obwohl, kurz tut sie es ja: „Was sollte ich bloß mit all diesen mittelmäßigen männlichen Individuen um mich herum anfangen? Würde es nicht eine gähnende Leere in meinem Leben hinterlassen, wenn ich sie allesamt in meine Restmülltonne werfen würde?“ (65) Schon klar, #menaretrash, intellektueller wird’s nicht.

Eigentlich erinnert Harmange an Incels, die Frauen ja auch deshalb hassen, weil sie ihnen etwas verwehren und schuldig bleiben. Bei den Incels ist es der Sex; bei Harmange ist es etwas, das man vielleicht als Compliance bezeichnen könnte. Der Mann fügt sich nicht, und beinahe wirkt es so, als könne Harmange partout nicht ertragen, dass sie nicht bis in die letzten Hirnwindungen - wenigstens ihres eigenen Mannes - hineinregieren kann. Hass auf ein Objekt, das sich dem Ich entzieht und verweigert - sozusagen die textbook version einer narzisstischen Kränkung. Der Unterschied ist nur: Incels werden hierfür belächelt oder verachtet. Harmange wird interviewt. Das nennt man ein weibliches Privileg.


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TheHoeBrags

Zynisch, böse und gemein: Hier sublimiere ich meine Wut in Texte. Es geht um Feminismus und Gesellschaft und anderes Gedöns.

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