Botenstoffe

Eine körperliche Kluft kann überwunden werden, nicht aber eine sprachliche. Oder ist das Normale der Sprache die Kluft? Und die Unüberbrückbarkeit der Leerstelle in dem, was ich sagen möchte, und dem, was der andere versteht, die notwendige Bedingung für Verständigung? Wie wäre es, wenn man dem anderen die eigenen Worte einschreiben könnte, wenn sich die Worte in Ausdrucksgebärden zurückführen ließen? Wenn sie zu Zeichen würden auf der Haut des anderen, und lesbar würden, durch das Abtasten mit den Fingern?

 

Wir haben uns  daran gewöhnt, mit Fingerkuppen Zeichen auf berührungsempfindliche Oberflächen zu tippen. Zu schreiben, ohne einzuschreiben. Unsere Fragmente einer Sprache der Liebe: Eingespeist in einen Hypertext. Wenn man Sprache einfach absorbieren könnte. Wenn sie einfach in den Körper diffundierte. Man müsste nur nebeneinander liegen. Zwei Körper, die sich zu einander verhalten wie Synapse zu Synapse, die mühelos den Spalt überbrücken. Und die Worte wandern umher wie Botenstoffe.

 

Der andere Leser

Was gibt es nicht für literaturwissenschaftliche Debatten um den Leser und die Frage, ob es so etwas wie einen idealen Leser gibt, und ob der Autor beim Schreiben einen solchen Idealleser vor Augen hat, ja adressiert. Dabei ist die Antwort ganz einfach. Das Begehren des Autors ist das Begehren aller Liebenden, vielleicht das Begehren par excellence: Der Wunsch, verstanden zu werden. Wer den andern versteht, löst das Rätsel, das die Sphinx Mensch stellt; wer das Rätsels Lösung kennt, löst das unendliche Begehren ein.

 

Wie enttäuscht ich bin, wenn der Leser nicht versteht. Das ist wie ein Witz, den der ANDERE nicht versteht, und dann muss man sich fragen, ob der andere nicht kapieren will, oder ob der Witz zu schlecht erzählt war. Aber vermutlich verhält es sich so: Man muss eine gewisse Bereitschaft empfinden, das, was der andere erzählt, als mindestens doppelbödig lesen zu wollen. Nur wird diese Bereitschaft blockiert durch das Urteil, das schon da ist, nämlich dass SIE//ICH nichts zu erzählen hat, das nicht identisch wäre, mit dem, was da steht. Und das wiederum soll nur identisch sein, mit dem, was SIE ist, was nicht viel ist, nicht genug, um eine gründliche Lesart zu rechtfertigen.

Ich//Selbst//Sein

Immer wieder die Forderung, dass ich mit mir selbst identisch sein soll, dass ich immer und überall dieselbe sein soll. Dass Tonfall und Stimme konstant denselben Output erzeugen sollen, ohne Störgeräusche.

„Sie klingen in dem Text gar nicht wie sie selbst“, sagte mir der Redakteur, und ich verzweifelte ein bisschen über die Frage, wie ich denn klinge.

„Schreib doch etwas Lustiges“, sagt H und ich frage mich, warum ich nicht schreiben soll, was ich schreiben will, in dem Ton, der mir dabei zufällt.

Ein Facebook-Freund teilt mir mit, ich sei nicht mehr die, die ich einmal war, womit er meint, dass ich Meinungen vertrete, die er mir nicht zugetraut hat, und über die er nun erzürnt ist. Dabei kennt er mich gar nicht. Ich selbst kenne mich jedenfalls gut genug, um zu wissen, dass das Ich, das er zu kennen glaubte, nie existierte.

Im Nirgendwo

 Auch tote Götter regieren. Auch Unglückselige bangen um ihr Glück. Traumsprache. Vergangenheitssprache. (Christa Wolf, Medea)

 

Im Traum irre ich durch Liverpool. Verzweifelt durchsuche in den Stadtplan nach den Straßenlinien, die mich zurück zu meinem Hotel führen. Ich steige in den Zug; es ist der falsche. Ich werde langsam nervös, glaube, dass ich meinen Flug verpassen werde. Ich denke, dass das doch nicht so schlimm wäre; ich könnte ja einen neuen Flug buchen. Aber dann fällt mir ein, dass ich kein Geld mehr auf dem Konto habe. Ich muss unbedingt rechtzeitig am Flughafen ankommen. Ich steige in einen Bus. Ich habe Hoffnung, es doch noch rechtzeitig zu schaffen. Da biegt die Straße, und mit ihr der Bus, plötzlich ab. Gerade eben waren wir ich noch in der Stadt, nun befinde ich mich mitten im Nirgendwo. Die Straße ist dunkel; ich steige aus und weiß nicht mehr weiter.

Kill Your Darlings

Kill your darlings!, so lautet der Tipp erfahrener Autoren. Der Autor, der sich in seine Sätze verliebt, langweilt am Ende nur den Leser. „Legen Sie alle Eitelkeit ab!“, heißt es.

 

Schreiben, streichen, neu schreiben. "Vermeiden Sie Redundanz!" Redundanzen sind langweilig. Redundanzen nerven.

 

Kill your darlings, but don’t kill yourself

 

Ein Schreibender kann keinen Suizid verüben, er hat ja keine Hände frei. Erst die Pausen werden dem Schreibenden zur Gefahr. Deshalb hören Sie lieber nie mit dem Schreiben auf!

 

Kill your darlings, but don’t kill your darling

 

Imaginieren Sie den Tod ihres Liebhabers, töten Sie ihn auf dem Papier, ersparen Sie sich die echte Bluttat. Heute habe ich ihn im Text dreimal erstochen. Dreimal!, das brächte mir im wahren Leben lebenslänglich ein.

Abwarten und Tee trinken

 

Morgens rolle ich mich aus dem Bett und starre auf meine Socken, die auf dem Teppich vor dem Bett liegen. Feine Katzenstreu hängt in Socken und Bettvorleger. Der Kater stößt seinen Kopf gegen mein Kinn. Ich versuche, die Katzenstreukrümel von meinen Socken zu picken, schüttele sie wild durch, aber die Krümel sitzen fest. Sie fliegen zurück auf den Bettvorleger. Ich stehe sockenlos auf und lausche meinen Füßen, die über den Laminatboden ins Badezimmer tapsen. Der Kater folgt mir, und mit ihm das feine Tippen seiner Krallen auf dem Boden. Vermutlich sollte ich sie ihm mal wieder kürzen. Dann hocke ich mich auf den Klositz; der Kater springt auf meinen Schoß. Ich werfe ihn aus Protest in die Dusche und er zieht beleidigt davon. Ich denke immer noch über das nach, was mir D gestern gesagt hat: „Du bist ein süßes, nettes, intelligentes Mädchen. Aber ich glaube, du hast dich da verrannt. Setz doch besser deinen Kopf ein.“

 

Es spielt keine Rolle, warum er das sagte. Die Worte saßen, und einige Stunden lang hatte ich mich getroffen gefühlt, hart getroffen, wie von einer heftigen Ohrfeige. Ich hatte sogar geweint, ziemlich viel sogar. Im Grunde hatte er mir gesagt, dass ich mich lächerlich machte. Das sagt man mir oft, das kümmert mich nicht. Es von ihm zu hören, kümmerte mich dagegen sehr. Eigentlich hatte er es mir nicht gesagt; er hatte mir eine lange, sehr lange Nachricht geschrieben, in der er mir sehr detailliert erklärte, warum mein Kopf nicht richtig funktionierte. Das war ein starkes Stück, besonders von ihm, aber er hatte natürlich recht.

 

Ich zermartere mir den Kopf. Inzwischen habe ich die Innenseite meiner Wange zerkaut; ich schmecke Blut. Ich stehe vom Klo auf und wasche meine Hände, trotte in die Küche und spüle meinen Mund mit sehr saurer Mangolimonade.

 

D hat gesagt, ich könne ihn besuchen kommen, also mache ich das.

 

Es tue ihm leid, sagt er, als er mich auf dem unbeleuchteten Flur seiner Wohnung umarmt. Es tue ihm leid, dass er so schroff zu mir war. Er wisse ja ganz genau, wie ich mich fühle. Er ist so viel größer als ich, dass ich mich auf die Zehenspitzen stellen muss, um meine Arme um ihn legen zu können. Das erste Mal, dass ich ihn so umarmen konnte, vor zweieinhalb Jahren, fühlte sich auf wunderbare Art vertraut an. Ich erinnere mich an seinen zarten Duft, und daran, dass ich zu lange auf den Schritt seiner zu dünnen Jogginghose gestarrt hatte. Er war mir danach für Wochen ausgewichen. Ich glaube, dass er manchmal Angst vor mir hatte.

 

Wir setzen uns an seinen Tisch, der von Holzwürmern ganz zerfressen ist. Er ist ein Sperrmüllfund; D hatte ihn retten wollen. Aber noch immer kriechen die Holzwürmer in dem Tisch herum; manchmal kann man ihnen beim Bohren der Löcher zusehen. Ich erinnere mich, wie J einst einen der Holzwürmer erlegte, mit seinem Messer den Wurm zerteilte und das Holzmehl, das aus dem Loch getreten war, mit der Klinge vom Tisch fegte, nur um kurz darauf seinen Black Pudding damit zu zerschneiden. Blutpudding, ich schüttle mich bei dem Gedanken daran.

 

Wir reden über J. D sagt mir, wie sehr er J liebt, und ich sage ihm, wie sehr ich J liebe, also sind wir vereint in der aufrichtigen Liebe für einen Mann. Der Teekessel pfeift. Wir schmunzeln und er gießt mir eine Tasse Tee ein. Die Teekanne tropft. Ich starre auf seine Hände. Die sind von der Arbeit so aufgeraut, dass man glauben könnte, er sei ein alter Mann. Ich kenne sonst keinen Mann, der raue Hände hat. Ich finde seine Hände nicht schön, aber es gefällt mir, dass sie echte Arbeit leisten können. Dann denke ich an die Sinnlosigkeit des Schreibens.

 

Ich frage mich kurz, wie sich eine Berührung mit diesen Händen anfühlen würde. Und für einen Moment denke ich an F und an seine feinen langen Finger, die sanft den Gitarrenhals umfassten, während er mich anschaute und einen Song sang, und es sich anfühlte, als sänge er ihn für mich. Ungeheuer schlanke Finger waren das, wie die eines Pianisten. F war der erste Mann seit langem, mit dem ich flirtete. Es fühlte sich fremd an und schön; eigentlich war ich es gar nicht, die mit ihm flirtete. Etwas in mir hatte auf ihn reagiert, oder mit ihm. Ich glaube, wir beide konnten uns in unserer Nacktheit sehen, unsere Traumata und die subkutane Angst erkennen; ich glaube, dass wir nichts davon bewusst wahrnahmen. Einen ganzen Abend lang war er mir körperlich immer wieder ausgewichen; ich fand das ungemein anziehend.

 

D fragt mich, worüber ich nachdenke.

 

"Ach nichts", sage ich.

 

Wir sitzen noch eine ganze Weile lang so da und starren auf den Tee in unseren Tassen.

Phantomschmerzen

Ich soll etwas Witziges schreiben und fühle mich doch wie der unglücklichste Mensch überhaupt. Da ist natürlich übertrieben, ganz sicher gibt es traurigere Menschen als mich, zum Beispiel  solche ohne Behausung. Immerhin habe ich eine Behausung, eine gemütliche sogar. Eigentlich fehlt mir ja nichts.Und doch fehlt mir alles.

 

Eigentlich ist es nur ein Einziges, das mir fehlt, aber das Einzige ist alles, was zählt, und nun fühlt es sich an wie ein Phantomschmerz, der natürlich schon deswegen nicht vergehen kann, weil das, was so schmerzt, schon verloren ist. Es müsste also der Verlust verloren gehen. Also fühle ich mich ein bisschen gehäutet, sehr sogar, nackt bis auf die Knochen und roh. Heute umarmte mich D und es fühlte sich an, als würde seine Haut, für Sekunden nur, zu meiner zweiten Haut, oder zur ersten, nachdem die andere ja verloren ging. Ich wollte nicht, dass er von mir abließ, aber das konnte ich ihm nicht sagen. So vertraut sind wir nicht miteinander, es bleibt immer ein Rest Distanz, eine Schwelle, die wir nicht übertreten. Also kann ich ihn nicht um eine Umarmung bitten, nicht um eine weitere oder überhaupt um eine. Zum Glück ist er manchmal so einsam wie ich; dann bedecken wir uns gegenseitig mit neuen Häuten, für ein paar Stunden nur, und füllen unsere Phantome mit Worten.

Schreibblockade

Wie löst man Schreibblockaden? Man läuft und läuft, weil beim Laufen das Denken unmöglich stillstehen kann. Also laufe ich hinaus in die Altstadt. Vom Theaterplatz zum Neumarkt, von der Ausstellung "Lampedusa 361" bis zur Installation MONUMENT. Überall andächtige Stille, keine Pöbler, viele traurige Gesichter. Der Pöbel schreit wohl nur, wenn Kameras in der Nähe sind. Danach ab ins Albertinum, die Ausstellung "Benjamin Katz fotografiert Gerhard Richter" angeschaut, und mit der Erkenntnis herausgekommen, dass alle sächsischen Männer irgendwie wie Richter aussehen oder Richter irgendwie wie alle Männer, keine Ahnung, jedenfalls sieht der Künstler auf jedem Bild anders aus, mal forsch, mal unsicher, mal Maler-Heros, mal alter Herr mit Brille. Im menschenleeren Albertinum gemerkt, dass ich die Romantiker nicht mehr ertragen kann, die Symbolisten schon gar nicht (noch nie eigentlich), dass selbst Dix und Kokoschka unerträglich geworden sind, und ich könnte nicht einmal sagen, warum das so ist. Rettete mich dann in die Antikensammlung und bestaunte die endlose Variation der immergleichen Grundform der Amphore und war wie berauscht von der Wiederholung, Wiederholung. Schließlich hätte ich im Museumsshop beinahe ein Best-of der Twittersprüche von Trump gekauft, die in Buchform wunderbare Dada-Poesie sind, habe mich dann aber doch für die Žižek-Lektüre entschieden. Was ist ein Ereignis?, fragt er. Die Antwort erscheint ja so einfach: Etwas, über das es sich zu schreiben lohnt. Etwas, über das es sich nachzudenken lohnt. Das Ereignis ist Denken schlechthin. Nun habe ich ein bisschen geschrieben.

Kindheitserinnerungen

Ich lese gerade Simone de Beauvoirs „Memoiren einer Tochter aus gutem Hause“. Im ersten Teil ihrer Biografie entfaltet sie Erinnerungen aus ihrer frühsten Kindheit. Ich werde sehr neidisch, weil ich überhaupt keine Erinnerungen an meine früheste Kindheit besitze. Alles, was ich aus dieser Zeit weiß, wurde mir von meiner Mutter oder meinen Geschwistern erzählt. Es sind geborgte Erinnerungen, sodass ich, wann immer ich von meiner Kindheit erzähle, in ihren Worten spreche.

 

Meine Erinnerungen setzen erst kurz vor dem Schuleingang ein, also um meinen sechsten Geburtstag herum. Ich erinnere mich, wie meine Schwester meine blonden Haare mit einem Lockenstab zu Engelslöckchen frisierte. Ich erinnere mich, wie ich mit meiner Mutter die schwarzen Lackschuhe kaufte, die so schön klackerten auf der Straße; ein Geräusch, das ich in meiner Kindheit mit dem Frausein verband: Frauen tragen Schuhe, die auf den Gehwegplatten klacken, so laut, dass man sie von Weitem hören kann. Aber als ich die klappernden Schuhe trug, wurde mir das Klacken unangenehm. Man ist sich nicht gern seiner selbst auf Schritt und Tritt bewusst.

textur marlen hobrack

Ich erinnere mich nicht daran, wie ich mein Schuleingangskleidchen, einen rauschenden, pinkfarbenen Albtraum aus Satin und Schleifen, auswählte. Meine Mutter schwört bis heute, dass sie das Kleid auf Verlangen des Kindes, auf mein Verlangen hin also, bestellte. Die Fotos von diesem Tag zeigen ein Mädchen, dem Lehrerin und Hortnerin zärtlich die Hände auf die Schultern legen, während sie gütig auf das Kind blicken. Das mag die Erklärung dafür sein, warum ich die Schule liebte, obwohl ich den Lärm und die Intensität der aufgezwungenen Mitmenschlichkeit hasste.

 

Erinnerungen. Mein erster Tag in der Kinderkrippe war anders verlaufen, so erzählte man mir. Ich wurde der wildfremden Krippenerzieherin ohne viel Zaudern übergeben. Der kindliche Ablösungsprozess vom mütterlichen Rockzipfel wurde kurz und schmerzvoll gestaltet. Vielleicht sollte das Kind so auf die harte Realität des Lebens vorbereitet werden. Das einjährige Kind also schrie. Schrie und schrie und wollte nicht aufhören; die Mutter aber hatte kaum den Ausgang erreicht, da verstummte das Kind so plötzlich, dass es ihr mulmig zumute wurde und sie sich entschied, zum Kind zurückzukehren. Sie fand ein Kind, dem man den Mund mit einem Pflaster zugeklebt hatte, ein Kind, das immer noch hoch rot war, schreien wollte, aber nicht konnte. Bis heute überkommt mich, wenn ich wütend werde, das Gefühl zu ersticken. Ein beklemmendes Gefühl, das Panik auslöst. Vielleicht einer der Gründe, warum ich heute meine Klappe nicht halten kann, besonders dann, wenn ich wütend bin.

 

Erinnerungen an das Hier und Jetzt. So funktioniert biografisches Schreiben doch, oder? Es tut so, als erzähle es von der Vergangenheit, ordnet dabei aber die Ereignisse so an, als müssten sie unausweichlich auf ein Telos zulaufen, nämlich das heutige Selbst. Wobei in jedem Erinnerungsvorgang die alten Spuren überlagert, verschoben und neu verknüpft werden. Und mit jeder neuen Spur überschreibt man mehr von dem, was nicht in das Selbstbild passen will. Bis alles, was man ist und war, widerspruchslos in einem Bild aufgeht.

Goetz, die Menschmaschine

Eine Schreibmaschine möchte ich sein, oder eine Software. Algorithmenbasierte Kompilatorin von Wörtern. Ob wohl ich das -in dann aufgeben müsste. Algorithmen sind männlich, nur grammatikalisch verweiblicht. Das weiß doch jeder. Geschlechtliche Bias, würde ich meinen. Meine Gender-ID an der Uni lautet „2“, ich nehme an, man hat das mit „Le Deuxième Sexe“ zu wörtlich genommen. Frauen gehen nicht in der 01 Logik auf, sondern sind wie immer und immer wieder nur die 2. 2 aber ist blöd. Ein Zustand kann nur an oder aus sein, Strom fließt oder er fließt nicht, die Lampe ist an oder aus. Meine Lampe brennt nun nicht, ich muss mein Licht aber auch nicht unter den Scheffel stellen. Scheffel? Was ist das eigentlich für ein Wort? Oder ist die binäre Logik ganz falsch und der Quantencomputer wird sie löschen?

Computer, auch das meinte zu Beginn des Algorithmenzeitalters (es werde Licht!, drück doch mal einer die 1) die Frauen, die rechneten. Rechnerinnen eben. Ich möchte heute so gerne ein Computer sein. An aus an aus. Bitte ein Bit, ab heute bin ich Ihre 0 . Mancher Mann träumt vielleicht von so einer Frau, einer computerisierten, einer echten Menschmaschine, die man, wenn sie ihre Arbeit getan hat, ausschalten und in die Ecke stellen kann, neben Bügelbrett und Wäscheständer.

textur frau

Maschinenträume, werden die Roboter träumen, wenn man ihnen erst einmal ein Bewusstsein verabreicht hat? Wird man ihnen ein Unterbewusstsein programmieren, oder ist das der natürliche Nebeneffekt der Bewusstseinsentstehung? Das muss man weiterdenken: Wenn die Maschinen ein Unterbewusstsein bekommen, wird man ihnen – auf Rezept! – eine Psychotherapie spendieren? Und wer wird ihnen in der Über-Ich-Funktion Moral und Gebote einflüstern? Am besten, man lässt das mit der Moral ganz bleiben, das verkompliziert die Sache mit den Maschinen nur unnötig.

Ich möchte so gerne wissen, in welchen Clouds und Knotenpunkten ich hinterlegt wurde. Haben Sie sich schon ein paar Texte von mir heruntergeladen, Bilder vielleicht? Erinnerung funktioniert ja so: Die Datenverkehrsbahnen zwischen Neuronen werden dicker und dicker, weil sie stärker befahren werden. Oder besser: elektro-chemisch öfter erregt werden. Sie aber müssen mich in Bits und Bytes speichern. Je öfter Sie mich downloaden, je mehr von meinen Informationen in Form von Nullen und Einsen auf Ihrem Rechner und in Ihrer Cloud hinterlegt werden, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass ich erhalten bleibe. Das spaltet mir glatt die Synapsen!

Seien Sie also doch bitte mein synaptisches Netzwerk. Meine Festplatte. THE MEDIUM IS THE MESSAGE. Wie wäre es, wenn ich heute mal Ihr Medium wäre? Ich würde mich so gerne als Message in Ihren Gedanken verewigen. Ich müsste Ihnen nur noch die Stirn aufschneiden, und schön flösse Ihnen meine Botschaft aus dem Kopf. Ich möchte heut mal ein bisschen Rainald Goetz sein, ein bisschen rasend und mit Rasierklingen bewaffnet. Bitte geben Sie mir nie eine Rasierklinge in die Hand!

Ich träume

Ich stehe in meiner Küche. Meine Waschmaschine muss repariert werden. Navid Kermani hilft mir. Navid Kermani? Ich bin mir nicht sicher, warum mein Unterbewusstsein ihm Zutritt zu diesem Traum verschafft hat.

 

"Das wird ein schwieriges Unterfangen", sagt Kermani. "Das wird sich nicht leicht reparieren lassen." Aber da scheint noch mehr zu sein. Er ist ganz besorgt; seine Sorge lässt mich unruhig werden. Etwas macht ihm Angst. Dann geht er zum Küchenschrank und positioniert ein Messer so, dass es dem Öffnenden beim Öffnen entgegenfallen muss.

textur marlen hobrack

Die Waschmaschine. Am Abend zuvor hatte ich vergessen, die Waschmaschine zu leeren. Am Abend zuvor hatte ich mich auch mit ihm gestritten, natürlich nicht mit Kermani. Er, der Nicht-Kermani, hatte gesagt, dass er niemals mehr mit mir reden würde. Niemals. Das war ein starkes Wort, und schon deshalb kaufte ich es ihm nicht ab. Dann aber die Sorge: Vielleicht meint er es doch ernst? Dann eine Nachricht: Es tue ihm wirklich leid, aber reden könne er nicht mehr mit mir. Immerhin, dachte ich, immerhin muss er mit mir kommunizieren, um mir die Kommunikation mit ihm zu verweigern. Ich gewöhne mich an den Gedanken, nie, nie wieder mit ihm reden zu können. Zwei Tage vergehen. Dann beschließe ich aufzuschreiben, was ich ihm sagen würde, wenn ich könnte.

 

Da brummt das Smartphone. Hoffnung blitzt auf. Aber ich versuche, ganz cool zu bleiben. Er kann es ja nicht sein. Er will ja nicht mehr mit mir reden. Vorsichtshalber schaue ich aber doch auf das Smartphone. Eine Nachricht von ihm. Er könne nicht so hart mit mir sein. Vielleicht könnten wir doch Freunde sein, aber weniger oft miteinander reden?

 

Natürlich, tippe ich. Dann wünsche ich ihm eine gute Nacht.

 

Ich denke zurück an den Traum. An die Waschmaschine, den besorgten Kermani. Nun ist doch alles repariert, nicht wahr? Und bereinigt. Nur liegt da immer noch das Messer im Küchenschrank. Wartet nur darauf, dass jemand den Schrank öffnet.

Magisches Denken

Magisches Denken gehört den Kindern. Es müsste aber eigentlich den Erwachsenen zugesprochen werden. Magisches Denken braucht man, um mit den Unwägbarkeiten des Lebens umgehen zu können. In The Year of Magical Thinking beschreibt Joan Didion den Trauerprozess nach dem Tod ihres Mannes. Das irrationale Denken, das die Trauernde ereilt. Die Unfähigkeit, das letzte Paar Schuhe des Mannes wegzugeben. Denn worin sollte er denn laufen, wenn er wiederkommt? Aber er kommt ja nicht wieder, das weiß sie ja. Er wird sie nicht mehr brauchen, ebenso wenig wie seine Augen, die für eine Organspende in Betracht kommen. Aber wie soll er denn ohne seine Augen sehen? Er kann nicht mehr sehen, wird nie wieder sehen. Aber das interessiert das magische Denken nicht. Das Seltsame daran ist, dass der Verstand weiß, dass der Mann weg ist, aber etwas in ihr will das nicht wahrhaben. Die Trauernde will nicht loslassen.

 

Der Mann stirbt. Oder der Mann geht einfach. Im Grunde gibt es gar keinen Unterschied zwischen einer Trennung und dem Tod eines Geliebten. Schock, Verleugnung, Verhandeln, Verzweiflung. Und dann? Dann müsste es irgendwann wieder bergauf gehen.

 

 

Ich nehme das Buch zur Hand, lese die erste Zeile, und muss es gleich wieder beiseitelegen.

 

Life changes fast

 

Sofort überkommt mich der Schmerz. Ich versuche es erneut, aber ich komme nicht viel weiter als bis zum nächsten Absatz. Wie lange darf man trauern darüber, dass sich das Leben so schnell ändern kann? Und dass all das, was man sich gewünscht hat, auf einmal weg ist? Es gibt jenen Punkt, an dem die Menschen im eigenen Umfeld genug haben von der Trauer. Man soll endlich über das Ereignis hinwegkommen. Beim Tod des Geliebten gibt es eine längere Gnadenfrist. Aber bei einer Trennung? Das Leben geht weiter, sagen die anderen. Oder: Du wirst ja einen anderen Mann finden. Und dann frage ich mich, ob sie das auch sagen würden, wenn mein Mann gestorben wäre. Aber er ist ja nicht tot, nur weg.

 

Dann ein unerhörter Gedanke. Wäre er doch lieber tot. Dann dürfte ich länger trauern. Ich bohre ihm in meiner Fantasie ein Messer in die Brust. Steche auf ihn ein. Das ist eine furchtbare Fantasie. Ich kann doch niemandem das Leben nehmen, nur weil er mich nicht lieben will. Das ist unanständig, aber bevor ich Scham deswegen empfinden kann, sage ich mir selbst, dass das nur die Wut ist, die Kränkung, und eine Kränkung ist umso größer, je intensiver zuvor die Liebe war. Ich darf jetzt nur nicht im Schmerz zergehen und muss das Buch wieder zur Hand nehmen. Weiterlesen. Das Leben geht weiter, so wie die Sätze.

Die Tochter meines Vaters

In Romanen beginnt die Auseinandersetzung mit dem Vater stets mit einer Fotografie. Meist stößt die Tochter, oder wahlweise der Sohn, auf ein Konvolut von Briefen und Fotos. Also schaue ich auf das Bild des Vaters und finde ihn seltsam fremd. Der Vater, den die Tochter kennenlernte, sah diesem hier gar nicht mehr ähnlich. Der junge Vater auf dem Foto hat rabenschwarze Haare und dunkelbraune Augen. Ihnen fehlt die Verachtung, die sie später so oft offenbarten, bevor sie trüb wurden, und zumindest eines von ihnen blind. Überhaupt fehlt dem Bildvater die steinerne Härte.

Als die Tochter den Vater noch kannte, war er schon aufgedunsen und ungesund, und die olivefarbene Haut hatte sich gelblich-grau verfärbt. Das schwarze Haar war ohnehin früh ergraut und stellenweise ausgegangen. Der Vater ist immer noch ein bisschen pausbäckig auf seinem Hochzeitsfoto, wenn auch nicht so jungenhaft pausbäckig wie auf dem Foto, das ihn sechzehnjährig in der Tanzschule zeigt. Dass ein Mensch wie der Vater dieser Tochter tanzte, scheint unvorstellbar.

 

Wenn meine Mutter wütend mit mir wird, dann sagt sie mir, ich sei wie er. Also schaue ich ihn an und versuche, mich in ihm zu erkennen. Die zwei ungleich geformten Augen, sie stammen von ihm. Das dicke Haar, widerstrebend, drahtig. Die Wut, ich glaube die Wut, sie stammt von ihm. Die Traurigkeit, nein, die gehört ihnen beiden, sie gehört nicht nur ihm. Der Zynismus, der bissige Humor, er stammt von ihm. Das Zähnefletschen, es stammt von ihm. Natürlich meint die Mutter es nicht so. Natürlich meint sie nicht nur, dass ich ihm ähnlich sehe. Sie meint eine charakterliche Ähnlichkeit. Sie meint es als Beleidigung.

Die Buchleserin

Man kann das gedruckte Buch für vieles lieben; am meisten aber muss man es für den Hauch von Geist, den es in uns eindringen lässt, lieben. Und der Geist kommt über den Lesenden, wie das Kind zur Jungfrau: Entfaltet das Buch erst einmal seine Seiten, wie der Heilige Geist seine Flügel als Täubchen spreizt, dann ist kein Verstand mehr sicher. Das gab den Intellektuellen schon früh zu denken. Kaum hatte die Alphabetisierung eine kritische Masse von Lesenden erzeugt, verbreitete sich ein Unbehagen gegen die Viellesenden, vor allem die viellesenden Frauen. Noch bevor es Diätbücher mit Anleitung zur Verschlankung der Taille gab, kreierte das 18. Jahrhundert eine Diätetik des Geistes. Vor allem Frauen wurde der Genuss von Büchern nur in kleinen Dosen empfohlen. Denn: Lesende Frauen neigen bekanntermaßen zur Vernachlässigung ihrer Pflichten. So etwas musste schon im Ansatz unterbunden werden.

 

Zugleich erzeugte die Forderung nach lesender Zurückhaltung und zurückgehaltenem Lesen einen bürgerlichen Nebenwiderspruch: Denn der Lesende war und ist zumeist weiblich, also eine Lesende; bis heute lesen Frauen mehr, intensiver, häufiger als Männer. Sie ist also Konsumentin der bürgerlichen Buchproduktion, sie ist Käuferin, er freilich viel zu oft der Produzent. Das hat er sich fein ausgedacht: Die Frauen mit imaginären Welten zu verführen und sie dann, im gleich angeschlossenen Herrendiskurs, sogleich für ihre Lesesucht zu diskreditieren. Ihrer als Konsumentin zu bedürfen und Bücher, scheinbar, nach ihren Bedürfnissen zu produzieren, und sie dann für ihren schlechten Geschmack zu kritisieren.

Die eigentlichen Opfer des Buches aber sind nicht die Frauen. Es sind, wie immer, die Männer. Denn nur folgerichtig wirkt ein Mann aus Fleisch und Blut, verglichen mit den romantischen Helden zwischen den Buchseiten, nun ja, etwas papiern. Ein Trost aber bleibt dem Mann: In Wirklichkeit wäre ja kein Leben zu machen mit den erotischen Don Juans; in Wirklichkeit brauchen wir dröge Herren wie Charles Bovary. Etwas Nüchternheit tut, bei aller Buchliebe, doch gut. Denn Lesen verdirbt den Realitätssinn und deformiert die Erwartungen an die Wirklichkeit.

 

Dass das Imaginäre immer den Sieg gegen das Reale davonträgt, dürfte ganz klar sein. Erotische Verirrungen bleiben da nicht aus. Denn wo frau viele Stunden mit den Büchern im Bett oder auf der Chaise Longue zubringt, darf es nicht wunder nehmen, dass sie am Ende seitenweise seinen Liebreizen verfällt. Das Buch als imaginäres Double des Liebhabers, mit allen Qualitäten eines guten Mannes: Außen hart, innen weich, gut duftend, mit einer Kopfnote von Holz und einer Herznote von Leim. Wenn nicht gerade ein Mann an meiner Seite in meinem Bett liegt, dann belegt ein Stapel Bücher den freigewordenen Platz. Das ist nur halb so unbequem wie es klingt. Und im Bett hat noch kein Buch versagt.

 

Beim Gang durch die Buchhandlungen ertappe ich mich dabei, wie ich fremden Büchern zärtlich den Rücken streichle. Bei einem Mann wäre das bereits sexuelle Belästigung. Ein Buch aber toleriert Zudringlichkeit. Es will sich ja öffnen. Ein geliebtes Buch übrigens muss benutzt aussehen. Es muss die Spuren des Lesers tragen. Er muss sich dem Text einschreiben, sich ihm aufdrängen und ganz intim mit ihm werden. Jede Zeile kennenlernen. Jedes Wort, jeden Buchstaben. Wie der Haut des Geliebten muss man sich der Buchseite nähern, immer bereit, sich ihr einzuschreiben, so wie man Kratzspuren auf des Liebhabers Rücken hinterlässt. Nie aber sollte Alkohol den Weg der Buchseiten kreuzen, ein Frevler, der mehr Rausch benötigt, als es der betörende Duft des Buches bietet.

Textverkehr

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Textverkehr. Eine zaghafte Nachricht, getippt mit zitternden Fingern. Nervös auf Antwort warten. Erwartungsvoll das Smartphone berühren. Den Textkörper, der ihn ersetzt, wieder und wieder durchlesen. Seinen Nachrichten folgen, und seinen Gedanken. Mit einem Geist kommunizieren. Wenn man dem Mann, den man liebt, nur schreiben kann, ist es dann überhaupt noch wichtig, ob er liebt? Kann der Textkörper je den geliebten Körper ersetzen? Oder ist er ihm gar überlegen? Immerhin verfällt er nicht.

Im Boden versinken

Manchmal habe ich die Fantasie, im Boden zu versinken. Manchmal laufe ich auf der Straße entlang und für einen Moment habe ich das Gefühl zu fallen. Nein, ich sehe mich, wie ich aus mir heraustrete und zu Boden sinke, wie in Zeitlupe; nein, ich sehe mir dabei zu, wie ich mich auf den Boden lege. Auf den Asphalt. Ich fühle die feinen Poren des Asphalts unter meiner Wange und die Nässe von leichtem Nieselregen; nein, ich sehe mich auf das Straßenpflaster sinken, fühle die feinen Sandkörnchen auf den groben glatten Pflastersteinen, fühle die Kälte in meine Haut eindringen, und die Nässe. Dann fühle ich, wie der Boden nachgibt; ich sinke tiefer und ich frage mich, was die Passanten tun würden. Würden sie stehen bleiben und mich betrachten und den Kopf über mich schütteln?

 

 

Würden sie einfach vorbeigehen, mich ignorieren, wie sie die Obdachlosen ignorieren? Würden die Skateboarder und Fahrradfahrer über mich fahren? Würde ich ihre Räder in meinem Rückgrat fühlen? Würde ich vom Boden verschluckt und einfach verschwinden?

 

Neulich war der Wunsch so groß, mich auf den Boden legen zu können. Neulich spürte ich, für den Bruchteil einer Sekunde nur, wie mein Knie blockierte. Es war mein linkes Knie. Das Knie, das immer schmerzt. Ich spürte dieses Rucken in meinem Gelenk, die Blockade, nicht lange genug, um vornüber zu fallen, aber genug, um für einen Moment der Irritation zu sorgen. Ich fiel nicht. Aber ich wollte fallen.

 

Die Leerstelle

 

Ich wechsle meine Bettwäsche fast zwanghaft. Manchmal lachen mich meine Freunde dafür aus. Ich wasche sie jede Woche zweimal, mindestens; ich bügle sie. Wer bügelt Bettwäsche? Jetzt falle ich ins Bett. Weichspülerdurft steigt in meine Nase. Ich weiß, ich sollte ihn nicht benutzen, er ist gar nicht notwendig, aber ich brauche ihn. Ich brauche den Duft, der an meinem Kissen hängt. Die Bettwäsche ist frisch gebügelt. Beinahe empfinde ich Scheu, mich auf das Kissen sinken zu lassen. Der Duft umfängt mich, und mit ihm das sanfte Rascheln der noch knitterfreien Bettwäsche. Ich stelle die Tasse mit heißer Schokolade auf dem Bücherstapel neben meinem Bett ab. Es ist das Signal für die Katze, auf mein Bett zu springen. Der alte Kater will es sich auf meiner Brust gemütlich machen, aber ich schubse ihn weg, weil er sich zwischen mich und mein Buch drängt.

 

 

Als J noch da war, legte sich die Katze auf ihn. Der Kater bevorzugt Männer, immer schon. Js wunderschöne Hände gruben sich in das dicke Fell des Katers. Der Kater schnurrte und ich ertappte mich dabei, wie ich eifersüchtig wurde auf das Tier. Ich streichle das weiche Fell des Katers und hoffe, Js Handabdrücke darin zu finden. Obwohl das Bett leer ist, bleibt seine Seite frei. Es ist, als wäre da eine magische Grenze und sein Platz bleibt unbesetzt. Nun legt sich der Kater dorthin, wo sich sonst Js Schulterblätter auf einen Berg von Kopfkissen eingruben. An keinem Ort ist er präsenter als an jener Leerstelle in meinem Bett. Unwillkürlich schnuppere ich an dem Kopfkissen, als könne es noch seinen Geruch tragen, nach all den Wäschen, nach all den Wochen.

 

Ich blicke von meinem Buch auf. Die Katze streckt sich und wirft mir einen Blick zu. Für einen kleinen Moment hat der Kater Hoffnung, dass ich aufstehe und ihn füttern werde. Dann aber versteht er, dass ich nur nachdenke. Ich starre auf die Häuserzeile gegenüber, hinter deren Fenstern sich ab und zu Menschen bewegen. Ich liege manchmal stundenlang so da. Die meisten Menschen können die Stille nicht aushalten. Ich kann die meisten Menschen nicht aushalten. Besonders nicht die Stimme meiner Mutter, die zu laut ist, zu schrill und in den Ohren schmerzt. Ich kann nicht mehr mit ihr reden, schon gar nicht kann ich ihr Lachen ertragen. Irgendwann werde ich eine Art hysterischen Schmerz entwickeln, da bin ich sicher. Das Schrillen in meinen Ohren wird mich so fertigmachen, dass ich nicht mehr werde reden können. Manchmal ist schon das leise Klackern der Tastatur zu viel Geräusch.

 

Kirsche Kirche Kontrabass

Es ist schwierig, jemanden zu lieben, der nicht die gleiche Sprache spricht. Ich begreife plötzlich, dass ich mit J nur in einer fremden Sprache sprechen kann. Wenn wir sprechen, dann in etwas, das ihm gehört. Ich weiß, dass ich anders spreche, wenn ich seine Sprache benutze. Sie wird, egal wie gut ich sie beherrsche, nie meine Sprache sein wird. Beherrschen... das klingt gewaltvoll. Man kann sich eine fremde Sprache aneignen, aber ist man dann auch in ihr zu Hause?

 

J spricht meinen Namen aus, der mir auf schöne Art fremd ist, wenn er ihn im Mund führt. Kein langes eee. Er sagt Marlenne, dem letzten n schwingt ein Hauch von einem französisch klingendem e nach, ganz dezent. Mir gefällt, wie weich mein Name in seinem Mund klingt und wie vorsichtig er ihn ausspricht. Seine Stimme klingt tief und warm wie sein Kontrabass, und sie verwandelt die Bedeutung des Namens, den er mir gibt.

 

 

J und ich spazieren über die Augustusbrücke in Richtung der Hofkirche. Scharen von Touristen strömen uns entgegen. Eine Kakophonie aus Sprachen. Japanisch und Französisch, Englisch und Polnisch. Er bekommt langsam Hunger.

 

- Let’s have some food. What’s ‚brunch‘ in German?, fragt er.

 

Brunch, sage ich.

 

Es wäre wohl nicht einfach, ein Wort aus den Begriffen Frühstück und Mittagessen zusammenzusetzen.

 

Try to make a word out of that!

 

- German is so difficult, meint er.

 

Maybe. Dunno. You just have to learn it, I guess.

 

- Something’s confusing me, sagt er. The German words for ‘church’ and ‘cherry’.

 

Kirsche und Kirche

 

- Yeahhh

 

Er versucht, die Wörter nachzusprechen.

 

Kirsche

 

Kirche

 

Für ihn klingen die beiden Wörter gleich. Ich spreche sie ihm vor, immer und immer wieder. Kirsche, Kirche, Kirsche, Kirche. Ich lege meine Finger an die Stelle an seinen Kiefer, wo das ch spürbar wird. Ich zeige mit meinen Fingern auf meinen Mund, während Zunge und Lippen das sch formen. Er hängt an meinen Lippen und spricht nach

 

Kirsche

 

Kirche

 

Er beginnt, Wörter zu sammeln. Ich versuche, sie überdeutlich auszusprechen, während er die Wörter, die ich ihm vorspreche, in seinem Mund hin und her bewegt. Er schmeckt sie. Manchmal kaut er sie durch. Wir üben die Aussprache. Da ist das deutsche ach wie ich Achtung und das volle sch wie in Kühlschrank. Ich rede mit ihm wie eine Mutter, die ihr Kind von der Sprache kosten lässt, Stück für Stück, vorsichtig, in mundgerechte Happen unterteilt. Ich will, dass er meine Sprache spricht, mit ihr vertraut wird. Ich möchte ihm alle Wörter beibringen, eine ganze Sprache. Meine Sprache.

 

Kafka beim Spülen

Es ist nach zehn abends und ich stehe in meiner Küche. Lausche einem Hörspiel im Radio und spüle das Geschirr. Die Stimmen fliegen über meinen Kopf hinweg, während ich den Schwamm in die Gläser tauche. Der immer gleiche Ablauf. Spülmittel auf den Schwamm, Schwamm quetschen, aufschäumen, hinein ins Glas, zwei drei viermal. Ausspülen. Fertig.

 

 

Man kann sich Franz Kafka nicht beim Geschirrspülen vorstellen. Auch nicht Hunter S. Thompson. Man kann sich Doris Lessing beim Spülen vorstellen, muss es sogar. Vielleicht sogar Simone de Beauvoir. Einmal schreibe ich auf Facebook, dass ich nie einen Roman fertig schreiben werde. Weil die Wäsche wartet, jeden Tag, und der Abwasch. Viel Beifall von meinen Freundinnen. Sie alle wissen, dass der endlose Alltag Energien und Zeit frisst; aber sie alle nehmen es in Kauf. Es geht ja nicht anders. Das ist halt so im Leben einer Frau. Kein Mann schreibt über das verdammte Geschirrspülen und niemals würde es ihn vom Schreiben abhalten. Oder dem Leben. Überhaupt käme er nie auf die Idee, über die Alltagsarbeiten zu schreiben. Wäsche waschen, spülen, staubsaugen. Die Ironie ist, dass von all der verschwendeten Zeit, dass von allem, was man macht, nichts übrig bleibt.

 

Es ist ja nicht die endlose Monotonie: Denn Monotonie gehört zum Leben. Es ist die Zeit, die jeden Tag damit vergeht, die monotonen Dinge des Lebens zu erledigen. Das Gefühl, dass die Zeit unwiederbringlich durch die Hände rinnt. Das Gefühl, dass jede Produktivität versiegen könnte. Oder soll man doch auf ein Alterswerk hoffen? Aber das Geschirr wird auch dann gespült werden müssen.

 

Eine Höhle aus Wörtern

Früher träumte ich davon, irgendwann einmal in einer jener riesigen Autorenwohnungen zu leben. Mit Bücherregalen bis unter die Decke, vollgepropft mit Wörtern und Bedeutung und Bücherregalen, die Raum um Raum durchqueren, wie bei Umberto Eco. Dekadenz in Buchform.

 

 

Je älter ich werde, desto mehr schrumpfen meine Wünsche zusammen auf einen Raum. Ein kleiner Raum, ein Raum für mich allein. Ein Raum, der mir gehört, mir ganz allein, und für den ich zahlen kann, ohne viel Geld verdienen zu müssen. Ein Raum, der mich dazu zwingt, mich auf das Nötigste zu beschränken. Den Text und das Ich. Meine eigene kleine Klause. In die nichts weiter passt außer mir und ein Bett und das Schreibgerät, ein paar Bücher.

 

Ein Ort, an dem es keinen Unterschied macht, ob ich aus dem Bett aufstehe oder liegen bleibe. Umgeben von Bücherstapeln und Kaffeetassen. Eine Klause irgendwo zwischen Meer und Wald. In einer toskanischen Landschaft oder den schottischen Lowlands. Schafe als Nachbarn. Eine Fluchtfantasie, natürlich. Die Welt aussperren und die anderen auch. Eingepfercht in eine Höhle aus Wörtern, als alte Jungfer, allein, aber nicht einsam.

 

Ein Anfang, warum nicht?

Wovor hat die Autorin Angst? Vor dem weißen Blatt, dem Anfang, dem sie sich immer wieder von Neuem stellen muss. Einem Nichts, das umso schwerer zu bezwingen scheint, je größer der Druck ist, tatsächlich etwas zu schreiben. Etwas zu Papier zu bringen. Selbst wenn dieses Papier nur ein virtuelles weißes Blatt ist. Es ist dadurch nicht weniger echt, eigentlich nur umso mysteriöser.

 

Dieser Hypertext ist Textur, tausend mögliche Romananfänge. Nie vollendete, nie richtig begonnene Texte, die jederzeit fortgesponnen werden könnten; ein Antidot gegen das weiße Blatt. Tausend erste Sätze. Darum geht es: Keinen Anfang schreiben zu müssen, denn ein Anfang ist immer schon da. In Szenen, Worten, die Ausgangspunkt werden für neues. Werden können.

 

Der Horror Vacui des weißen Blattes: Das berauschende Nichts, die Leere, in die das erste Wort gesetzt werden muss, das, wenn es denn glückt, die Autorin zur Göttin werden lässt, in ihrer Vorstellung jedenfalls, denn wer sonst setzt gegen das Nichts das Wort? Weißes Rauschen.

 

 

In diesem Hypertext ist nicht unterscheidbar, was Text und was Abfall, was Wort und was Störung ist. Er löst die Linearität des Textes auf, sein Voranschreiten, das Wort nach Wort setzt, und Zeile um Zeile. Der Hypertext verweigert sich der Zeile, dem Anfang, dem Ende. Wie ein Rhizom, unterirdisch, verzweigt, Wiederholung, Wiederholung, wer bemerkt schon, wenn die Texte auswuchern und sich fortschreiben, an diesem Ende abreißen und an jenem Ende fortgeführt werden? Das ist die erste große Metapher, das wichtigste Bild für die Texturen hier: Die Schichtung, die Überlagerung, nicht nur Oberfläche, nicht nur Aufdruck auf dem weißen Papier, sondern Tiefenschichten, die man auch in der Tiefe des Hypertextes aufspüren kann.