Hilary Mantel und Stimmen über Stimmen

Habe heute Hilary Mantels ‚A Place of Greater Safety‘ gelesen und mich gefragt, warum mir ihr Stil so gut gefällt und was es eigentlich ist, was sie da macht. Wie entsteht diese Unmittelbarkeit, wie gelingt es ihr, in prägnanter, beinahe trockener Prosa so große Geschichten zu erzählen?

 

Ich habe früher keine historischen Romane gelesen, auch deshalb, weil ich sie, vielleicht zu Unrecht, mit Schwulst identifizierte. Was bei Mantel gar nicht möglich ist. Eben aufgrund ihres so speziellen Erzählstils. Ein stark elliptisches Erzählen, das mit zwei Sätzen ein ganzes Jahrzehnt voller Ereignisse zusammenfasst oder einen Charakter so eindrücklich skizziert, dass man ihn zu kennen glaubt.

 

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Der andere Leser

Was gibt es nicht für literaturwissenschaftliche Debatten um den Leser und die Frage, ob es so etwas wie einen idealen Leser gibt, und ob der Autor beim Schreiben einen solchen Idealleser vor Augen hat, ja adressiert. Dabei ist die Antwort ganz einfach. Das Begehren des Autors ist das Begehren aller Liebenden, vielleicht das Begehren par excellence: Der Wunsch, verstanden zu werden. UND der Wunsch, zu verstehen. Wer den anderen versteht, löst das Rätsel, das die Sphinx Mensch stellt; wer das Rätsels Lösung kennt, löst das unendliche Begehren ein.

 

Wie enttäuscht ich bin, wenn der Leser nicht versteht, wenn er nicht liest, was er lesen soll. Das ist wie ein Witz, den der ANDERE nicht versteht, und dann muss man sich fragen, ob der andere nicht kapiert, nicht kapieren will oder ob der Witz zu schlecht erzählt war. Aber vermutlich verhält es sich so: Man muss eine gewisse Bereitschaft empfinden, das, was der andere erzählt, als mindestens doppelbödig lesen zu wollen. Nur wird diese Bereitschaft blockiert durch das Urteil, das schon da ist, nämlich dass SIE//ICH nichts zu erzählen hat, das nicht identisch wäre, mit dem, was da steht. Und das wiederum soll nur identisch sein, mit dem, was SIE ist, was nicht viel ist, nicht genug, um eine gründliche Lesart zu rechtfertigen.

 

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Ich//Selbst//Sein

Immer wieder die Forderung, dass ich mit mir selbst identisch sein soll, dass ich immer und überall dieselbe sein soll. Dass Tonfall und Stimme konstant denselben Output erzeugen sollen, ohne Störgeräusche.

„Sie klingen in dem Text gar nicht wie sie selbst“, sagte mir der Redakteur, und ich verzweifelte ein bisschen über die Frage, wie ich denn klinge.

„Schreib doch etwas Lustiges“, sagt H und ich frage mich, warum ich nicht schreiben soll, was ich schreiben will, in dem Ton, der mir dabei zufällt.

Ein Facebook-Freund teilt mir mit, ich sei nicht mehr die, die ich einmal war, womit er meint, dass ich Meinungen vertrete, die er mir nicht zugetraut hat, und über die er nun erzürnt ist. Dabei kennt er mich gar nicht. Ich selbst kenne mich jedenfalls gut genug, um zu wissen, dass das Ich, das er zu kennen glaubte, nie existierte.

 

Die oberste Anforderung an eine Schreibende scheint sowieso ihre Authentizität zu sein, wobei diese Authentizität das Gegenteil vom Wortsinne meint. Es meint nämlich: Einer bestimmten kulturellen Vorstellung von Weiblichkeit oder Jugend oder sonst etwas eine perfekte, also möglichst glatte Projektionsfläche zu bieten. Das Drama derjenigen, die zur Authentizität verdammt ist, besteht natürlich darin, dass sie mit sich selbst für immer und ewig identisch sein muss, soll heißen: Um „authentisch“ zu bleiben im Auge des Betrachters, darf es keine individuelle Entwicklung auf habitueller, visueller, sprachlicher oder sonst einer Ebene geben. Die Krux ist nur, dass jemand, der sich nicht neu erfindet, für den Kulturbetrieb innerhalb kürzester Zeit an Reiz verliert. Nur Madonna (anfangs auch Lady Gaga) konnte das Problem zufriedenstellend lösen, indem die authentische Madonna, die immer schon eine Kunstfigur war, das Chamäleonhafte zu ihrem Markenzeichen machte. Das heißt, die permanente Abweichung von dem Bild, das sich andere gemacht haben, zu durchkreuzen, und ein neues an die Stelle zu setzen, wobei der Rahmen der Gleiche bleibt, denn der Rahmen ist die „Wandelbarkeit“. Das trägt nur auf der Ebene des Bildes viel besser, als auf der sprachlichen.

 

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Abwarten und Tee trinken

 

Morgens rolle ich mich aus dem Bett und starre auf meine Socken, die auf dem Teppich vor dem Bett liegen. Feine Katzenstreu hängt in Socken und Bettvorleger. Der Kater stößt seinen Kopf gegen mein Kinn. Ich versuche, die Katzenstreukrümel von meinen Socken zu picken, schüttele sie wild durch, aber die Krümel sitzen fest. Sie fliegen zurück auf den Bettvorleger. Ich stehe sockenlos auf und lausche meinen Füßen, die über den Laminatboden ins Badezimmer tapsen. Der Kater folgt mir, und mit ihm das feine Tippen seiner Krallen auf dem Boden. Vermutlich sollte ich sie ihm mal wieder kürzen. Dann hocke ich mich auf den Klositz; der Kater springt auf meinen Schoß. Ich werfe ihn aus Protest in die Dusche und er zieht beleidigt davon. Ich denke immer noch über das nach, was mir D gestern gesagt hat: „Du bist ein süßes, nettes, intelligentes Mädchen. Aber ich glaube, du hast dich da verrannt. Setz doch besser deinen Kopf ein.“

 

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Schreibblockade

Wie löst man Schreibblockaden? Man läuft und läuft, weil beim Laufen das Denken unmöglich stillstehen kann. Also laufe ich hinaus in die Altstadt. Vom Theaterplatz zum Neumarkt, von der Ausstellung "Lampedusa 361" bis zur Installation MONUMENT. Überall andächtige Stille, keine Pöbler, viele traurige Gesichter. Der Pöbel schreit wohl nur, wenn Kameras in der Nähe sind. Danach ab ins Albertinum, die Ausstellung "Benjamin Katz fotografiert Gerhard Richter" angeschaut, und mit der Erkenntnis herausgekommen, dass alle sächsischen Männer irgendwie wie Richter aussehen oder Richter irgendwie wie alle Männer, keine Ahnung, jedenfalls sieht der Künstler auf jedem Bild anders aus, mal forsch, mal unsicher, mal Maler-Heros, mal alter Herr mit Brille. Im menschenleeren Albertinum gemerkt, dass ich die Romantiker nicht mehr ertragen kann, die Symbolisten schon gar nicht (noch nie eigentlich), dass selbst Dix und Kokoschka unerträglich geworden sind, und ich könnte nicht einmal sagen, warum das so ist. Rettete mich dann in die Antikensammlung und bestaunte die endlose Variation der immergleichen Grundform der Amphore und war wie berauscht von der Wiederholung, Wiederholung. Schließlich hätte ich im Museumsshop beinahe ein Best-of der Twittersprüche von Trump gekauft, die in Buchform wunderbare Dada-Poesie sind, habe mich dann aber doch für die Žižek-Lektüre entschieden. Was ist ein Ereignis?, fragt er. Die Antwort erscheint ja so einfach: Etwas, über das es sich zu schreiben lohnt. Etwas, über das es sich nachzudenken lohnt. Das Ereignis ist Denken schlechthin. Nun habe ich ein bisschen geschrieben.

 

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Kindheitserinnerungen

Ich lese gerade Simone de Beauvoirs „Memoiren einer Tochter aus gutem Hause“. Im ersten Teil ihrer Biografie entfaltet sie Erinnerungen aus ihrer frühsten Kindheit. Ich werde sehr neidisch, weil ich überhaupt keine Erinnerungen an meine früheste Kindheit besitze. Alles, was ich aus dieser Zeit weiß, wurde mir von meiner Mutter oder meinen Geschwistern erzählt. Es sind geborgte Erinnerungen, sodass ich, wann immer ich von meiner Kindheit erzähle, in ihren Worten spreche.

 

Meine Erinnerungen setzen erst kurz vor dem Schuleingang ein, also um meinen sechsten Geburtstag herum. Ich erinnere mich, wie meine Schwester meine blonden Haare mit einem Lockenstab zu Engelslöckchen frisierte. Ich erinnere mich, wie ich mit meiner Mutter die schwarzen Lackschuhe kaufte, die so schön klackerten auf der Straße; ein Geräusch, das ich in meiner Kindheit mit dem Frausein verband: Frauen tragen Schuhe, die auf den Gehwegplatten klacken, so laut, dass man sie von Weitem hören kann. Aber als ich die klappernden Schuhe trug, wurde mir das Klacken unangenehm. Man ist sich nicht gern seiner selbst auf Schritt und Tritt bewusst.

 

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Ich träume

 

Ich stehe in meiner Küche. Meine Waschmaschine muss repariert werden. Navid Kermani hilft mir. Navid Kermani? Ich bin mir nicht sicher, warum mein Unterbewusstsein ihm Zutritt zu diesem Traum verschafft hat.

 

Das wird ein schwieriges Unterfangen, sagt Kermani. Das wird sich nicht leicht reparieren lassen. Aber da scheint noch mehr zu sein. Er ist ganz besorgt; seine Sorge lässt mich unruhig werden. Etwas macht ihm Angst. Dann geht er zum Küchenschrank und positioniert ein Messer so, dass es dem Öffnenden beim Öffnen entgegenfallen muss.

 

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Seltsames Tier

 

welch seltsames tier du doch bist

verwundbar und fest,

gepanzert und schutzlos

 

häute, hauchdünn, ein feiner schuppenpanzer nur

trennt dich und mich

 

du windest dich, und häutest dich, unter meinen händen

stück um stück, bis dass das ganze tier

bloß liegt, und mit ihm sein kern

 

dein innerstes nach außen gekehrt,

wartest du

auf meine wandernden finger

 

jemand hat den himmel ausgewaschen

nun gleicht er deinen augen

blau und wächsern, ausgelaugt

 

wusstest du, dass

die kerzenflamme keinen schatten wirft?

ich wusste es nicht

 

das tote licht tanzt

auf deinen wangen

du windest dich

 

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Magisches Denken

Magisches Denken gehört den Kindern. Es müsste aber eigentlich den Erwachsenen zugesprochen werden. Magisches Denken braucht man, um mit den Unwägbarkeiten des Lebens umgehen zu können. In The Year of Magical Thinking beschreibt Joan Didion den Trauerprozess nach dem Tod ihres Mannes. Das irrationale Denken, das die Trauernde ereilt. Die Unfähigkeit, das letzte Paar Schuhe des Mannes wegzugeben. Denn worin sollte er denn laufen, wenn er wiederkommt? Aber er kommt ja nicht wieder, das weiß sie ja. Er wird sie nicht mehr brauchen, ebenso wenig wie seine Augen, die für eine Organspende in Betracht kommen. Aber wie soll er denn ohne seine Augen sehen? Er kann nicht mehr sehen, wird nie wieder sehen. Aber das interessiert das magische Denken nicht. Das Seltsame daran ist, dass der Verstand weiß, dass der Mann weg ist, aber etwas in ihr will das nicht wahrhaben. Die Trauernde will nicht loslassen.

 

Der Mann stirbt. Oder der Mann geht einfach. Im Grunde gibt es gar keinen Unterschied zwischen einer Trennung und dem Tod eines Geliebten. Schock, Verleugnung, Verhandeln, Verzweiflung. Und dann? Dann müsste es irgendwann wieder bergauf gehen.

 

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Die Tochter meines Vaters

In Romanen beginnt die Auseinandersetzung mit dem Vater stets mit einer Fotografie. Meist stößt die Tochter, oder wahlweise der Sohn, auf ein Konvolut von Briefen und Fotos. Also schaue ich auf das Bild des Vaters und finde ihn seltsam fremd. Der Vater, den die Tochter kennenlernte, sah diesem hier gar nicht mehr ähnlich. Der junge Vater auf dem Foto hat rabenschwarze Haare und dunkelbraune Augen. Ihnen fehlt die Verachtung, die sie später so oft offenbarten, bevor sie trüb wurden, und zumindest eines von ihnen blind. Überhaupt fehlt dem Bildvater die steinerne Härte.

 

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Die Buchleserin

Man kann das gedruckte Buch für vieles lieben; am meisten aber muss man es für den Hauch von Geist, den es in uns eindringen lässt, lieben. Und der Geist kommt über den Lesenden, wie das Kind zur Jungfrau: Entfaltet das Buch erst einmal seine Seiten, wie der Heilige Geist seine Flügel als Täubchen spreizt, dann ist kein Verstand mehr sicher. Das gab den Intellektuellen schon früh zu denken. Kaum hatte die Alphabetisierung eine kritische Masse von Lesenden erzeugt, verbreitete sich ein Unbehagen gegen die Viellesenden, vor allem die viellesenden Frauen. Noch bevor es Diätbücher mit Anleitung zur Verschlankung der Taille gab, kreierte das 18. Jahrhundert eine Diätetik des Geistes. Vor allem Frauen wurde der Genuss von Büchern nur in kleinen Dosen empfohlen. Denn: Die Dosis macht das Gift.

 

Lesende Frauen neigen bekanntermaßen zur Vernachlässigung ihrer Pflichten. So etwas musste schon im Ansatz unterbunden werden. Zugleich erzeugte die Forderung nach lesender Zurückhaltung und zurückgehaltenem Lesen einen bürgerlichen Nebenwiderspruch: Denn der Lesende war und ist zumeist weiblich, also eine Lesende; bis heute lesen Frauen mehr, intensiver, häufiger als Männer. Sie ist also Konsumentin der bürgerlichen Buchproduktion, sie ist Käuferin, er freilich viel zu oft der Produzent. Das hat er sich fein ausgedacht: Die Frauen mit imaginären Welten zu verführen und sie dann, im gleich angeschlossenen Herrendiskurs, sogleich für ihre Lesesucht zu diskreditieren. Ihrer als Konsumentin zu bedürfen und Bücher, scheinbar, nach ihren Bedürfnissen zu produzieren, und sie dann für ihren schlechten Geschmack zu kritisieren.

 

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Im Boden versinken

Manchmal habe ich diese Fantasie. Die Fantasie, im Boden zu versinken. Manchmal laufe ich auf der Straße entlang und für einen Moment habe ich das Gefühl zu fallen. Nein, ich sehe mich, wie ich aus mir heraustrete und zu Boden sinke, wie in Zeitlupe; nein, ich sehe mir dabei zu, wie ich mich auf den Boden lege. Auf den Asphalt. Ich fühle die feinen Poren des Asphalts unter meiner Wange und die Nässe von leichtem Nieselregen; nein, ich sehe mich auf das Straßenpflaster sinken, fühle die feinen Sandkörnchen auf den groben glatten Pflastersteinen, fühle die Kälte in meine Haut eindringen, und die Nässe. Dann fühle ich, wie der Boden nachgibt; ich sinke tiefer und ich frage mich, was die Passanten tun würden. Würden sie stehen bleiben und mich betrachten und den Kopf über mich schütteln?

 

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Die Leerstelle

 

Ich wechsle meine Bettwäsche fast zwanghaft. Manchmal lachen mich meine Freunde dafür aus. Ich wasche sie jede Woche zweimal, mindestens; ich bügle sie. Wer bügelt Bettwäsche? Jetzt falle ich ins Bett. Weichspülerdurft steigt in meine Nase. Ich weiß, ich sollte ihn nicht benutzen, er ist gar nicht notwendig, aber ich brauche ihn. Ich brauche den Duft, der an meinem Kissen hängt. Die Bettwäsche ist frisch gebügelt. Beinahe empfinde ich Scheu, mich auf das Kissen sinken zu lassen. Der Duft umfängt mich, und mit ihm das sanfte Rascheln der noch knitterfreien Bettwäsche. Ich stelle die Tasse mit heißer Schokolade auf dem Bücherstapel neben meinem Bett ab. Es ist das Signal für die Katze, auf mein Bett zu springen. Der alte Kater will es sich auf meiner Brust gemütlich machen, aber ich schubse ihn weg, weil er sich zwischen mich und mein Buch drängt.

 

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Kirsche Kirche Kontrabass

Es ist schwierig, jemanden zu lieben, der nicht die gleiche Sprache spricht. Ich begreife plötzlich, dass ich mit J nur in einer fremden Sprache sprechen kann. Wenn wir sprechen, dann in etwas, das ihm gehört. Ich weiß, dass ich anders spreche, wenn ich seine Sprache benutze. Sie wird, egal wie gut ich sie beherrsche, nie meine Sprache sein wird. Beherrschen... das klingt gewaltvoll. Man kann sich eine fremde Sprache aneignen, aber ist man dann auch in ihr zu Hause?

 

J spricht meinen Namen aus, der mir auf schöne Art fremd ist, wenn er ihn im Mund führt. Kein langes eee. Er sagt Marlenne, dem letzten n schwingt ein Hauch von einem französisch klingendem e nach, ganz dezent. Mir gefällt, wie weich mein Name in seinem Mund klingt und wie vorsichtig er ihn ausspricht. Seine Stimme klingt tief und warm wie sein Kontrabass, und sie verwandelt die Bedeutung des Namens, den er mir gibt.

 

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Kafka beim Spülen

Es ist nach zehn abends und ich stehe in meiner Küche. Lausche einem Hörspiel im Radio und spüle das Geschirr. Die Stimmen fliegen über meinen Kopf hinweg, während ich den Schwamm in die Gläser tauche. Der immer gleiche Ablauf. Spülmittel auf den Schwamm, Schwamm quetschen, aufschäumen, hinein ins Glas, zwei drei viermal. Ausspülen. Fertig.

 

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Eine Höhle aus Wörtern

Früher träumte ich davon, irgendwann einmal in einer jener riesigen Autorenwohnungen zu leben. Mit Bücherregalen bis unter die Decke, vollgepropft mit Wörtern und Bedeutung und Bücherregalen, die Raum um Raum durchqueren, wie bei Umberto Eco. Dekadenz in Buchform.

 

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Ein Anfang, warum nicht?

Wovor hat die Autorin Angst? Vor dem weißen Blatt, dem Anfang, dem sie sich immer wieder von Neuem stellen muss. Einem Nichts, das umso schwerer zu bezwingen scheint, je größer der Druck ist, tatsächlich etwas zu schreiben. Etwas zu Papier zu bringen. Selbst wenn dieses Papier nur ein virtuelles weißes Blatt ist. Es ist dadurch nicht weniger echt, eigentlich nur umso mysteriöser.

 

Dieser Hypertext ist Textur, tausend mögliche Romananfänge. Nie vollendete, nie richtig begonnene Texte, die jederzeit fortgesponnen werden könnten; ein Antidot gegen das weiße Blatt. Tausend erste Sätze. Darum geht es: Keinen Anfang schreiben zu müssen, denn ein Anfang ist immer schon da. In Szenen, Worten, die Ausgangspunkt werden für neues. Werden können.

 

Der Horror Vacui des weißen Blattes: Das berauschende Nichts, die Leere, in die das erste Wort gesetzt werden muss, das, wenn es denn glückt, die Autorin zur Göttin werden lässt, in ihrer Vorstellung jedenfalls, denn wer sonst setzt gegen das Nichts das Wort? Weißes Rauschen.

 

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