Botenstoffe

Zwei sprechen nicht dieselbe Sprache, und müssen einander doch verstehen. Die eine spricht die Sprache des andern beinahe perfekt; beherrscht sie, nur spricht die Sprache nicht durch sie. Sie benutzt die Sprache, ganz bewusst, will sich ihm verständlich machen, will verstanden werden, denkt, denkt zu viel und zu oft.

 

Wer in der Muttersprache spricht, tut das unbewusst, denkt sie; die Muttersprache aber ist ihm die zweite Haut, mehr noch: die erste Voraussetzung. Die ganze Existenz entfaltet sich in diesem Sprachraum, und wer ihn verlässt, der steigt ein zweites Mal in einen zweiten Fluss, nicht nur, weil man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann, sondern weil man, einmal in den Fluss gestiegen, nie wieder nicht in den Fluss gestiegen sein kann. Mit dem Eintritt in die zweite Sprache nimmt man ein neues Evangelium an.

 

Er versteht meine Angst vor der Sprache nicht. Für ihn sind die Worte Gebrauchsgegenstände, die benutzt, und danach beiseitegelegt werden. Die funktionieren, oder nicht. Die man versteht, oder missversteht. Dass der Sinn über die Worte hinweggleiten kann, will ihm nicht einleuchten.

 

*

 

Eine körperliche Kluft kann überwunden werden, nicht aber eine sprachliche. Oder ist das Normale der Sprache die Kluft? Und die Unüberbrückbarkeit der Leerstelle in dem, was ich sagen möchte, und dem, was der andere versteht, die notwendige Bedingung fürs Verstehen?

 

Wie wäre es, wenn man dem anderen die eigenen Worte einschreiben könnte, wenn sich die Worte in Ausdrucksgebärden zurückführen ließen? Wenn sie zu Zeichen würden auf der Haut des anderen, und lesbar würden, durch das Abtasten mit den Fingern? Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, mit Fingerkuppen Zeichen auf berührungsempfindliche Oberflächen zu tippen. Zu schreiben, ohne einzuschreiben, denn was gerade noch getippt wurde, ist ebenso schnell verschwunden, und doch dauerhaft gespeichert, wenn auch ausgelagert, in eine Cloud vielleicht. Unsere Fragmente einer Sprache der Liebe: Eingespeist in einen Hypertext.

 

Wenn man Sprache doch einfach absorbieren könnte… Wenn sie doch nur in den Körper diffundierte. Man müsste nur nebeneinander liegen, eine Verbindung herstellen, den Spalt überbrücken. Leerstellen zwischen den Körpern… zwei Körper, die sich zu einander verhalten, wie Synapse zu Synapse, die mühelos den Spalt überbrücken. Und die Worte wandern umher wie Botenstoffe.

 

heute

heute mal etwas Originelles denken, etwas, das noch niemand gedacht hat

heute mal so tun, als sei ich die Erste und Einzige, und als könne ich das Schreiben neu erfinden

manchmal

manchmal ereilen mich ereignisse wie faustschläge

 

manchmal fliegen mir die dinge zu wie sonst nur gedanken

 

Schreibblockade

Wie löst man Schreibblockaden? Man läuft und läuft, weil beim Laufen das Denken unmöglich stillstehen kann. Also laufe ich hinaus in die Altstadt. Vom Theaterplatz zum Neumarkt, von der Ausstellung "Lampedusa 361" bis zur Installation MONUMENT. Überall andächtige Stille, keine Pöbler, viele traurige Gesichter. Der Pöbel schreit wohl nur, wenn Kameras in der Nähe sind. Danach ab ins Albertinum, die Ausstellung "Benjamin Katz fotografiert Gerhard Richter" angeschaut, und mit der Erkenntnis herausgekommen, dass alle sächsischen Männer irgendwie wie Richter aussehen oder Richter irgendwie wie alle Männer, keine Ahnung, jedenfalls sieht der Künstler auf jedem Bild anders aus, mal forsch, mal unsicher, mal Maler-Heros, mal alter Herr mit Brille. Im menschenleeren Albertinum gemerkt, dass ich die Romantiker nicht mehr ertragen kann, die Symbolisten schon gar nicht (noch nie eigentlich), dass selbst Dix und Kokoschka unerträglich geworden sind, und ich könnte nicht einmal sagen, warum das so ist. Rettete mich dann in die Antikensammlung und bestaunte die endlose Variation der immergleichen Grundform der Amphore und war wie berauscht von der Wiederholung, Wiederholung. Schließlich hätte ich im Museumsshop beinahe ein Best-of der Twittersprüche von Trump gekauft, die in Buchform wunderbare Dada-Poesie sind, habe mich dann aber doch für die Žižek-Lektüre entschieden. Was ist ein Ereignis?, fragt er. Die Antwort erscheint ja so einfach: Etwas, über das es sich zu schreiben lohnt. Etwas, über das es sich nachzudenken lohnt. Das Ereignis ist Denken schlechthin. Nun habe ich ein bisschen geschrieben.

 

Textverkehr

Textverkehr. Eine zaghafte Nachricht, getippt mit zitternden Fingern. Nervös auf Antwort warten. Erwartungsvoll das Smartphone berühren. Den Textkörper, der ihn ersetzt, wieder und wieder durchlesen. Seinen Nachrichten folgen, und seinen Gedanken. Mit einem Geist kommunizieren. Wenn man dem Mann, den man liebt, nur schreiben kann, ist es dann überhaupt noch wichtig, ob er liebt? Kann der Textkörper je den geliebten Körper ersetzen? Oder ist er ihm gar überlegen? Immerhin verfällt er nicht.

 

textur
Sie haben zehn neue Nachrichten.

Ein Anfang, warum nicht?

Wovor hat die Autorin Angst? Vor dem weißen Blatt, dem Anfang, dem sie sich immer wieder von Neuem stellen muss. Einem Nichts, das umso schwerer zu bezwingen scheint, je größer der Druck ist, tatsächlich etwas zu schreiben. Etwas zu Papier zu bringen. Selbst wenn dieses Papier nur ein virtuelles weißes Blatt ist. Es ist dadurch nicht weniger echt, eigentlich nur umso mysteriöser.

 

Dieser Hypertext ist Textur, tausend mögliche Romananfänge. Nie vollendete, nie richtig begonnene Texte, die jederzeit fortgesponnen werden könnten; ein Antidot gegen das weiße Blatt. Tausend erste Sätze. Darum geht es: Keinen Anfang schreiben zu müssen, denn ein Anfang ist immer schon da. In Szenen, Worten, die Ausgangspunkt werden für neues. Werden können.

 

Der Horror Vacui des weißen Blattes: Das berauschende Nichts, die Leere, in die das erste Wort gesetzt werden muss, das, wenn es denn glückt, die Autorin zur Göttin werden lässt, in ihrer Vorstellung jedenfalls, denn wer sonst setzt gegen das Nichts das Wort? Weißes Rauschen.

 

 

In diesem Hypertext ist nicht unterscheidbar, was Text und was Abfall, was Wort und was Störung ist. Er löst die Linearität des Textes auf, sein Voranschreiten, das Wort nach Wort setzt, und Zeile um Zeile. Der Hypertext verweigert sich der Zeile, dem Anfang, dem Ende. Wie ein Rhizom, unterirdisch, verzweigt, Wiederholung, Wiederholung, wer bemerkt schon, wenn die Texte auswuchern und sich fortschreiben, an diesem Ende abreißen und an jenem Ende fortgeführt werden? Das ist die erste große Metapher, das wichtigste Bild für die Texturen hier: Die Schichtung, die Überlagerung, nicht nur Oberfläche, nicht nur Aufdruck auf dem weißen Papier, sondern Tiefenschichten, die man auch in der Tiefe des Hypertextes aufspüren kann.