BANG BANG, I shot you down

BANG BANG, I shot you down

 

Ich stehe vor ihm und ziehe meinen Revolver,

eine Armlänge nur von ihm entfernt.

Dann feuere ich einen Schuss ab.

Er trifft ihn mitten ins Herz

 

Das ist ein schneller Tod.

Niemand soll behaupten, dass ich grausam sei.

 

BANG BANG, I shot him down

 

Aber so oft ich auch schieße,

er steht immer wieder auf.

 

 

Penthesilea

 

Ich habe ihn niedergestreckt. Nun liegt er auf meinem Bett, die Hand- und Fußgelenke gefesselt. Easy prey. Ich befühle blind seinen Körper, ertaste eine Wunde an seiner rechten Flanke. Ungläubig bohre ich meinen Finger in sie. Es ist nur ein kleines Loch, verursacht von einer Pfeilspitze, einer kleinkalibrigen Waffe vielleicht. Dann greife ich einen Hautfetzen, ziehe daran, sehe, wie sich die Oberhaut von der Lederhaut löst.

 

Ich reiße seine Haut in kleinen Fetzen von seinem Rücken. Dann greife ich hinein in das rote Fleisch, suche die Muskelstränge, erwische einen, einen besonders starken, und ziehe ihn der Länge nach aus seinem Rücken heraus. Ich habe eine der Rippen freigelegt. Ich greife sie, biege sie zurück, bis sie knackt und ich sie mühelos aus dem Brustkorb lösen kann. Ich breche die zweite Rippe, dann folgt die dritte.

 

Meine Hände sind ganz blutig, bis zu den Ellenbogen hinauf bin ich mit Gewebestückchen besudelt. Die ausgebrochenen Rippen sind um mein Bett verteilt. Es gleicht einer Wüstenlandschaft. Trocken. Leer. Nur seine Knochen ragen aus dem Sand, reflektieren das Sonnenlicht. Sie blenden mich. Ich schiebe seinen Lungenflügel beiseite. Nun liegt das Filetstück vor mir: Sein verräterisches Herz, es schlägt und schlägt.

 

Die glutrote Sonne brennt auf uns nieder. Plötzlich ist er zerfallen. Das Fleisch ist von seinem Körper abgefallen. Sein Herz ist verschwunden. Ein wildes Tier muss es erbeutet haben. Ein Aasgeier vielleicht, der gewartet hat, bis ich mit ihm fertig war, um zu rauben, was ich suche. Ich rieche an dem Skelet, das keinen Geruch mehr verströmt. Seit wann bin ich ein Tier?

 

Im Boden versinken

Manchmal habe ich diese Fantasie. Die Fantasie, im Boden zu versinken. Manchmal laufe ich auf der Straße entlang und für einen Moment habe ich das Gefühl zu fallen. Nein, ich sehe mich, wie ich aus mir heraustrete und zu Boden sinke, wie in Zeitlupe; nein, ich sehe mir dabei zu, wie ich mich auf den Boden lege. Auf den Asphalt. Ich fühle die feinen Poren des Asphalts unter meiner Wange und die Nässe von leichtem Nieselregen; nein, ich sehe mich auf das Straßenpflaster sinken, fühle die feinen Sandkörnchen auf den groben glatten Pflastersteinen, fühle die Kälte in meine Haut eindringen, und die Nässe. Dann fühle ich, wie der Boden nachgibt; ich sinke tiefer und ich frage mich, was die Passanten tun würden. Würden sie stehen bleiben und mich betrachten und den Kopf über mich schütteln?

 

 

Würden sie einfach vorbeigehen, mich ignorieren, wie sie die Obdachlosen ignorieren? Würden die Skateboarder und Fahrradfahrer über mich fahren? Würde ich ihre Räder in meinem Rückgrat fühlen? Würde ich vom Boden verschluckt und einfach verschwinden?

 

Neulich war der Wunsch so groß, mich auf den Boden legen zu können. Neulich spürte ich, für den Bruchteil einer Sekunde nur, wie mein Knie blockierte. Es war mein linkes Knie. Das Knie, das immer schmerzt. Ich spürte dieses Rucken in meinem Gelenk, die Blockade, nicht lange genug, um vornüber zu fallen, aber genug, um für einen Moment der Irritation zu sorgen. Ich fiel nicht. Aber ich wollte fallen.

 

Kirsche Kirche Kontrabass

Es ist schwierig, jemanden zu lieben, der nicht die gleiche Sprache spricht. Ich begreife plötzlich, dass ich mit J nur in einer fremden Sprache sprechen kann. Wenn wir sprechen, dann in etwas, das ihm gehört. Ich weiß, dass ich anders spreche, wenn ich seine Sprache benutze. Sie wird, egal wie gut ich sie beherrsche, nie meine Sprache sein wird. Beherrschen... das klingt gewaltvoll. Man kann sich eine fremde Sprache aneignen, aber ist man dann auch in ihr zu Hause?

 

J spricht meinen Namen aus, der mir auf schöne Art fremd ist, wenn er ihn im Mund führt. Kein langes eee. Er sagt Marlenne, dem letzten n schwingt ein Hauch von einem französisch klingendem e nach, ganz dezent. Mir gefällt, wie weich mein Name in seinem Mund klingt und wie vorsichtig er ihn ausspricht. Seine Stimme klingt tief und warm wie sein Kontrabass, und sie verwandelt die Bedeutung des Namens, den er mir gibt.

 

 

J und ich spazieren über die Augustusbrücke in Richtung der Hofkirche. Scharen von Touristen strömen uns entgegen. Eine Kakophonie aus Sprachen. Japanisch und Französisch, Englisch und Polnisch. Er bekommt langsam Hunger.

 

- Let’s have some food. What’s ‚brunch‘ in German?, fragt er.

 

Brunch, sage ich.

 

Es wäre wohl nicht einfach, ein Wort aus den Begriffen Frühstück und Mittagessen zusammenzusetzen.

 

Try to make a word out of that!

 

- German is so difficult, meint er.

 

Maybe. Dunno. You just have to learn it, I guess.

 

- Something’s confusing me, sagt er. The German words for ‘church’ and ‘cherry’.

 

Kirsche und Kirche

 

- Yeahhh

 

Er versucht, die Wörter nachzusprechen.

 

Kirsche

 

Kirche

 

Für ihn klingen die beiden Wörter gleich. Ich spreche sie ihm vor, immer und immer wieder. Kirsche, Kirche, Kirsche, Kirche. Ich lege meine Finger an die Stelle an seinen Kiefer, wo das ch spürbar wird. Ich zeige mit meinen Fingern auf meinen Mund, während Zunge und Lippen das sch formen. Er hängt an meinen Lippen und spricht nach

 

Kirsche

 

Kirche

 

Er beginnt, Wörter zu sammeln. Ich versuche, sie überdeutlich auszusprechen, während er die Wörter, die ich ihm vorspreche, in seinem Mund hin und her bewegt. Er schmeckt sie. Manchmal kaut er sie durch. Wir üben die Aussprache. Da ist das deutsche ach wie ich Achtung und das volle sch wie in Kühlschrank. Ich rede mit ihm wie eine Mutter, die ihr Kind von der Sprache kosten lässt, Stück für Stück, vorsichtig, in mundgerechte Happen unterteilt. Ich will, dass er meine Sprache spricht, mit ihr vertraut wird. Ich möchte ihm alle Wörter beibringen, eine ganze Sprache. Meine Sprache.

 

It's fucking Berlin, baby!

Taxi, Treppenhaus, Paternoster, der du bist im Himmel und Hochhaus. Die Autos rauschen tief unten, in den Straßenschluchten, die U-Bahnen treiben ihren Zielen entgegen, der Dichte entgegen, ins Herz der Stadt, der Bus wirft dich vor ihre Füße. Finsteres Parkhaus, fremde Gesichter, Bahnen Bahnen, bahnen sich den Weg. Baby, du stehst im Weg. Rauschen der Menge, die Masse treibt dem Dach entgegen. Sie gibt ihm ein Päckchen; Steinchen, sie versorgt mich mit Steinchen, kein Schmuck baby! Augenzwinkern, verstehst du, baby? Du verstehst nicht, du bist zu naiv, baby. Fotos, Fotos, das neue Sehen; trau dich was, baby; es geht um fame und fortune. It’s fucking Berlin, baby. Die Party rauscht und die Menschen gieren nach Bildern; Bilder mit den richtigen Leuten, hier gibt es richtige und falsche Leute; niemand steht bei den falschen Leuten; sehen, gesehen werden, wenn alle gesehen werden wollen, wer blickt dann noch hin?

 

 

Ein kleiner Mann im Anzug, er tanzt und wippt, geht in die Knie, im Gegenrhythmus zu den Armen, wie eine Schlenkerpuppe; das ist kein Balztanz, er versucht cool zu tanzen, man kann nicht cool tanzen, nicht mal in Berlin; seine grauen Haare leuchten im Scheinwerferlicht, seine langbeinige Gespielin tanzt ekstatisch, er versucht sich ihr anzupassen; sie versucht, sich sexy zu bewegen, ihre langen, sehr langen Beine machen ihr einen Strich durch die Rechnung; sie ist ganz in schwarz gekleidet, alle sind hier ganz in schwarz gekleidet, it’s fucking Berlin, baby!, und Schwarz ist das neue Schwarz; ihre Brüste bewegen sich rhythmisch vor seinen Augen, er könnte ihr Vater sein, nagt es nicht an ihm?, fühlt er sich groß, dieser kleine Mann?

 

Ich stehe ihm im Weg, er stellt mich irritiert zur Seite; sie himmelt ihn an, sie unterwirft sich dem Mann, er hat einen Scheitel, Männer mit Scheitel, unwiderstehlich! Sie küsst und küsst. Ich greife ihre Wange. Lass das! Sie schüttelt mich von sich. It’s fucking Berlin baby. You can look but you can’t touch.

 

Tellkamp türmt

Neulich, da sitze ich in der Straßenbahn, blicke kurz von meinem Buch auf und sehe Uwe Tellkamp. Ich gucke runter, noch mal rauf, ja doch, da sitzt Uwe Tellkamp. Ich überlege für einen Moment, ob ich ihm sagen soll, dass von den 900 und was-weiß-ich-wie-vielen Seiten seines Turms nur die ersten fünf wirklich gelungen sind, die dafür aber umso mehr, aber da guckt er auch schon ganz misstrauisch und rückt den Tornister auf seinem Schoß zurecht. Stellt ihn auf, wie einen Schutzschild gegen die fiese Literaturkritik, die mir offenkundig aus den Augen springt. So einen Tornister, ich meine mich zu erinnern, tragen auch die Soldaten auf dem Kriegstriptychon von Otto Dix. Oder irre ich mich und es ist nur ein Ranzen, ein Ränzelchen?

 

Jetzt gucke ich ihn schon so lange an, er wird immer misstrauischer, vermutlich befürchtet er, ich könne ein Autogramm verlangen. Er sieht nun ganz verhuscht aus, er tut mir leid dafür, dass er den Turm verlassen musste. Wer weiß, was für Besorgungen er in der Stadt zu erledigen hat. Der Türmer, geworfen unter das einfache Dresdner Volk. Kein Wunder, da kann man schon mal nervös werden, man zieht sich ja nicht grundlos auf den Weißen Hirsch zurück. Da ist übrigens die Sanatoriumsdichte besonders hoch. Nur mal so am Rande.

 

Es ist so still geworden um ihn. Hat er nichts zu sagen? Oder isoliert der Elfenbeinturm nur so gut, die Augen und Ohren, die Stimmen? Hat er schon etwas gesagt zu den Pegidisten, hat er etwas zu sagen zu dem Dresdner Bürgertum? Seine Stimme bleibt unvernommen. Man weiß nicht, ob er sich nicht gemein machen will, mit den Abendlandrettern oder den Abendlandnichtrettern, man weiß wohl auch nicht, ob die Abendlandretter wissen, was das nun genau sein mag, jenes berüchtigte Land, in Dunkeldeutschland, in Pöbeldeutschland. Tellkamp schweigt. Tellkamp türmt.