Frühlingserwachen

Heute Morgen wachte ich auf, und ich war zum ersten Mal seit langem nicht liebesbekümmert. Merkwürdig, nicht etwa die Zeit hatte alle Wunden geheilt. Im Gegenteil. Es hatte ein großes Gewitter gebraucht, den großen Absturz, böse Worte (oh, wie böse Worte sein können, und wie hart sie treffen können).

 

Andererseits: Vor dem faustischen Erwachen kam auch bei Goethe der Absturz. Ganz unten angekommen bleibt nichts übrig, als sich aufzuraffen.

 

Dann: Frühlingserwachen, obwohl es draußen eiskalt war und Schneeberge unter den Laternen leuchteten. Ich wachte auf, und ich fühlte zum ersten Mal seit Monaten nicht mehr diese Schwere. Alles war ganz leicht. Ich lag im Bett, und ganz plötzlich war da dieser Impuls: aufstehen. Wie weggewischt die bleierne Schwere, die mich in den letzten Wochen im Bett ans Bett gefesselt hatte.

 

Ich stand auf, ich wusch sogar das Geschirr noch vor dem Frühstück ab, zugegeben aber nur, weil es keine Tassen mehr gab.

 

KW14

Mein Therapeut meint, ich sei noch immer nicht in der Lage, Gefühle zu offenbaren.

 

KW22

Heute:

 

Er

Er

Er

Er

 

 

 

12:15 Uhr

 

Ich muss diesen Roman fertigbekommen. Solange ich an dem Roman schreibe, denke ich an Jon, sobald ich an Jon denke, geht es mir schlecht.

 

Heut Morgen zwei Stunden lang Machine Head gehört und geheult wie ein Schulmädchen, dabei realisiert, wie alt ich bin und wie wenig ich geschafft habe und dass mir vielleicht noch zehn Jahre bleiben. Dann will ich fertig sein, dann will ich gehen können und genug geschrieben haben, um so etwas wie eine Reputation zu haben, eine, die ein bisschen länger da ist als ich selbst.

 

Würde gerne regelmäßiger Tagebuch schreiben. Aber wenn, dann würde es wohl eine endlose Aufzählung von Alltagsdingen, vielleicht so wie bei Knausgård, ich will kein reflexives Tagebuch, schon gar kein literarisches, eines mit klugen Überlegungen, ich will nur nackte peinliche Gedanken.

 

Taste mich ein wenig an eine Écriture automatique ran, auch im Roman, versuche Passagen runterzuschreiben und sie anschließend nicht zu bearbeiten, abgesehen von den Tippfehlern, hoffe, dass so etwas mehr Unmittelbarkeit im Text entsteht.

 

Im Tagebuch bremst mich die Frage, wie viel ich preisgeben soll, darf, eigentlich habe ich keine Sorge vor der Selbstentblößung, Frage ist, welche Klarnamen man verwendet, wen das stört oder nicht.

 

Komische Sache auch, wenn mir Freunde in den Kopf gucken können, bei Fremden tangiert es mich überhaupt nicht, die können denken über mich was sie wollen, wen interessiert das, mich jedenfalls nicht.

 

Mir gefällt das Runterschreiben, es hat so einen manischen Duktus. Apropos: Diese Woche ziemlich manisch geschrieben, wie gesagt, der Roman muss fertig werden, damit ich weitermachen kann, mit etwas anderem, und weil ich zu alt werde ohne etwas geschafft zu haben. Das macht mich fertig.

 

Habe heute gedacht, dass ich so etwas wie eine zweite Pubertät erlebe, seltsames Gefühl: Es ist das gleiche Erwachen von damals, nochmal Selbstfindung, eigentlich ist Pubertät das falsche Wort, weil das, was ich meine, am Übergang zum Erwachsenensein geschah, eine Radikalisierung des Selbst, das sich einfach nicht mehr kümmert um das, was andere sagen und denken und das sich visuell, körperlich und sexuell neu erfindet.

 

Je mehr ich schreibe, desto mehr Erinnerungen steigen auf, die ich dann leicht entstellt in den Text fließen lassen, alte Erinnerungen, fünfzehn Jahre alt beinahe.

 

H hat das „Frauenbild“ in meinem Roman kritisiert, nachdem sie hineingelesen hat, ich weiß immer noch nicht, was sie damit meint, sie will mit mir deswegen telefonieren. Ich drücke mich davor, weil ich jetzt nicht damit anfangen will, über so etwas nachzudenken, ich will jetzt den Text fertig haben und um Gottes Willen keine Debatte darüber, was für eine Frau ich da beschreibe. Würde ich das Bild, das sie abgibt, verändern, müsste ich auch einen anderen Text schreiben, oder anders ausgedrückt: Für diesen Text muss sie solch ein Bild abgeben; ein sympathischer Mensch ist sie bestimmt nicht, sicherlich ziemlich zynisch, aber ich will das nicht ändern, sie muss so sein. Jedenfalls will es der Text so und der Text hat immer recht.

 

03.06.2017

 

Lese Safranskis Nietzsche-Buch, und weiß nicht, ob ich es gut oder schlecht finden soll, dass er so sehr auf zitierfähige, knackige Bonmots hinschreibt. Safranskis Heidegger-Buch steht als nächstes auf der Leseliste.

 

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Weil ich in der letzten Zeit häufig Sätze mit „mein Therapeut meint“ angefangen habe, halten mich jetzt alle für meschugge, dabei will ich doch nur ein besserer Mensch werden.

 

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Zuletzt auf Facebook und beim Freitag ein paar provokative Sachen geschrieben und anschließend in Mails und Fb-Messages Zuspruch erhalten. Tenor: „Ich kann das ja nicht öffentlich sagen, aber es ist gut, dass Sie das sagen.“ Kommt von Autoren und Journalisten. Nun sage ich ja nichts wirklich Radikales, nicht Verbotenes, nichts Justiziables, es ist aber schon erschütternd, dass andere Schreibende das Gefühl haben, sie könnten das nicht sagen. Die haben natürlich eine Reputation, und die sind auch nicht scharf auf einen Shitstorm. Trotzdem ist es ein bisschen traurig, wenn semiprovokante Thesen schon als unaussprechlich gelten.

 

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Bin mit der Struktur des Blogs noch immer nicht zufrieden, habe sie schon ein paar Mal geändert, werde es wieder tun müssen, finde die Einteilung unlogisch, nicht kohärent, nicht zwangsläufig. Wieder in bisschen in Herrndorfs „Arbeit und Struktur“ gelesen; die Blog-Struktur ist eigentlich ziemlich simpel, aber dann wieder gar kein klassischer Blog, bei dem man in umgekehrter Chronologie liest. Ist sozusagen ein Zwitter, eine Buchlog.

 

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Pathos. Ich muss mit dem Pathos aufhören.

 

KW23

Ich bin kaputt kaputt kaputt.

 

 

08.06.2017

 

Jon geschrieben und ihn gefragt, ob er nicht aufhören könnte, mich zu hassen. Zwei Tage auf Antwort gewartet. Dann mitten in der Nacht doch noch eine Antwort. Der Nachrichtenton reißt mich aus dem Schlaf: "Ich hasse dich nicht, aber ich habe dir nichts zu sagen." Und das finde ich wirklich schlimm, weil ich denke, dass ich mit Hass sehr gut umgehen kann, mit Indifferenz aber nicht. Aber vielleicht wird mir irgendwann seine Indifferenz egal sein.

 

10.06.2017

 

Jugendweihe meines Neffen. Die ganze Familie fährt nach Hoyerswerda, wo die offiziellen Feierlichkeiten stattfinden. Interessant der Look der Jugendlichen: Manche Jungs in schicken Anzügen und Lederschuhen, andere tragen Jacket und Sneakers, andere hochgekrempelte Ärmel und teure Krawatten. Je wohlhabender die Familie, desto legerer der Look, glaube ich, weil es arme Menschen bei solchen öffentlichen Veranstaltungen meistens übertreiben, aus einer Angst heraus underdressed zu sein. Dann die Mädchen, vielen von ihnen eingewickelt in Lagen aus Chiffon und Crêpes-Stoff, ein Mädchen ziemlich cool in einem apricotfarbenen Tellerrock, knielang, dazu eine zarte Seidenbluse, etwas zu stark geschminkt allerdings, dann zwei Mädchen in weißen Tutu-Kleidchen, gepaart mit Skeakers in Weiß, and the winner is: ein Mädchen im Jumpsuit. Ziemlich niedlich anzusehen, die kleinen Girlies, die eben noch nicht ganz Frau sind, aber dieses princess for one day-feeling haben wollen, in wirklich hohen High Heels, unsicher auf die Bühne staksend, die Hände nervös am Kleid nestelnd. Manche Mädels schon voll entwickelt, andere noch sehr kindlich. Die Jungs sehen alle noch kindlich aus. Mein Neffe sieht da oben auf der Bühne zart und dünn und so niedlich aus, wird ganz blass um die Nase.

 

Die Jugendlichen, die zum Ende der Feierlichkeiten eine Rede alten, fordern von ihren Eltern angesichts der Flüchtlingssituation und politischen Lage mehr Toleranz und Mitgefühl. Hörbares Raunen im Saal.

 

Danach großes Essen in einer Burg. Keine echte, irgendein reicher Zahnarzt hat sie in die Landschaft gezimmert. Ziemliche Impertinenz, wenn man mich fragt. Drumherum ein Streichelzoo; die halten sogar Affen, kleine Makaken, in einem Käfig ohne irgendwelches Grün.

 

Versuche verzweifelt, politischen Gesprächen mit meinem Schwager auszuweichen. Will nicht die Veranstaltung sprengen.

 

Oma ist auch da. Irgendwann verschwinden meine Mutter, meine Tante und meine Schwester vom Tisch, und bitten mich, mit Oma Konversation zu machen. Ich versuche verzweifelt, ein Gespräch anzufangen. Aber Oma ist einsilbig wie immer. Die Minuten der Stille dehnen sich zu einer Ewigkeit. Dann kehren endlich meine Mutter und meine Tante aus ihrer Raucherpause zurück.