ich soll nicht

ab heute darf ich seinen namen nicht mehr nennen. der analytiker hat es mir verboten. ich halte mich an sein verbot

 

der, der nicht genannt werden darf… ich sollte ein kinderbuch darüber schreiben

 

meinen gedanken soll ich einhalt gebieten, sobald sie bei ihm verweilen

 

stopp sagen. so macht man das auch im selbstverteidigungskurs

 

ich beschließe eine strichliste zu führen. ein strich für jede gedankliche nennung. die liste ist schon jetzt sehr lang

 

Nicht einen

Nicht einen meiner Sätze kann er stehen lassen

 

Nicht eines meiner Worte bleibt unwidersprochen

 

Nicht eine Behauptung bleibt unhinterfragt,

 

Gleich zückt er das Smartphone und prüft die Statistik

 

Nicht einem Gespräch folgt er mit ganzem Herzen

 

Nie folgt er meinen Worten mit offenem Ohr

 

Kill Your Darlings I

Kill your darlings!, so lautet der Tipp erfahrener Autoren. Der Autor, der sich in seine Sätze verliebt, langweilt am Ende nur den Leser. „Legen Sie alle Eitelkeit ab!“, heißt es.

 

Schreiben, streichen, neu schreiben. "Vermeiden Sie Redundanz!" Redundanzen sind langweilig. Redundanzen nerven.

 

Kill your darlings, but don’t kill yourself

 

Ein Schreibender kann keinen Suizid verüben, er hat ja keine Hände frei. Erst die Pausen werden dem Schreibenden zur Gefahr. Deshalb hören Sie lieber nie mit dem Schreiben auf!

 

Kill your darlings, but don’t kill your darling

 

Imaginieren Sie den Tod ihres Liebhabers, töten Sie ihn auf dem Papier, ersparen Sie sich die echte Bluttat. Heute habe ich ihn im Text dreimal erstochen. Dreimal!, das brächte mir im wahren Leben lebenslänglich ein.

 

this is not me

Goetz, die Menschmaschine

Eine Schreibmaschine möchte ich sein, oder eine Software. Algorithmenbasierte Kompilatorin von Wörtern. Ob wohl ich das -in dann aufgeben müsste. Algorithmen sind männlich, nur grammatikalisch verweiblicht. Das weiß doch jeder. Geschlechtliche Bias, würde ich meinen. Meine Gender-ID an der Uni lautet „2“, ich nehme an, man hat das mit „Le Deuxième Sexe“ zu wörtlich genommen. Frauen gehen nicht in der 01 Logik auf, sondern sind wie immer und immer wieder nur die 2. Nun konnte man die Frau ja nicht als 0 setzen, das wäre sexistisch, aber Numero 1 ist und bleibt der Mann. 2 aber ist blöd. Ein Zustand kann nur an oder aus sein, Strom fließt oder er fließt nicht, die Lampe ist an oder aus. Meine Lampe brennt nun nicht, ich muss mein Licht aber auch nicht unter den Scheffel stellen. Scheffel? Was ist das eigentlich für ein Wort? Oder ist die binäre Logik ganz falsch und der Quantencomputer wird sie löschen?

 

 

Computer, auch das meinte zu Beginn des Algorithmenzeitalters (es werde Licht!, drück doch mal einer die 1) die Frauen, die rechneten. Rechnerinnen eben. Ich möchte heute so gerne ein Computer sein. An aus an aus. Bitte ein Bit, ab heute bin ich Ihre 0 . Mancher Mann träumt vielleicht von so einer Frau, einer computerisierten, einer echten Menschmaschine, die man, wenn sie ihre Arbeit getan hat, ausschalten und in die Ecke stellen kann, neben Bügelbrett und Wäscheständer.

 

 

textur frau

Maschinenträume, werden die Roboter träumen, wenn man ihnen erst einmal ein Bewusstsein verabreicht hat? Wird man ihnen ein Unterbewusstsein programmieren, oder ist das der natürliche Nebeneffekt der Bewusstseinsentstehung? Das muss man weiterdenken: Wenn die Maschinen ein Unterbewusstsein bekommen, wird man ihnen – auf Rezept! – eine Psychotherapie spendieren? Und wer wird ihnen in der Über-Ich-Funktion Moral und Gebote einflüstern? Am besten, man lässt das mit der Moral ganz bleiben, das verkompliziert die Sache mit den Maschinen nur unnötig.

 

 

Ich möchte so gerne wissen, in welchen Clouds und Knotenpunkten ich hinterlegt wurde. Haben Sie sich schon ein paar Texte von mir heruntergeladen, Bilder vielleicht? Erinnerung funktioniert ja so: Die Datenverkehrsbahnen zwischen Neuronen werden dicker und dicker, weil sie stärker befahren werden. Oder besser: elektro-chemisch öfter erregt werden. Sie aber müssen mich in Bits und Bytes speichern. Je öfter Sie mich downloaden, je mehr von meinen Informationen in Form von Nullen und Einsen auf Ihrem Rechner und in Ihrer Cloud hinterlegt werden, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass ich erhalten bleibe. Das spaltet mir glatt die Synapsen!

 

 

Seien Sie also doch bitte mein synaptisches Netzwerk. Meine Festplatte. THE MEDIUM IS THE MESSAGE. Wie wäre es, wenn ich heute mal Ihr Medium wäre? Ich würde mich so gerne als Message in Ihren Gedanken verewigen. Ich müsste Ihnen nur noch die Stirn aufschneiden, und schön flösse Ihnen meine Botschaft aus dem Kopf. Ich möchte heut mal ein bisschen Rainald Goetz sein, ein bisschen rasend und mit Rasierklingen bewaffnet. Bitte geben Sie mir nie eine Rasierklinge in die Hand!

 

Textur

I am a Typewriter, nicht mehr.

Eine Schreibmaschine,die Textmaschine,

Weberin, Spinnerin vielleicht

Wer spinnt den Text? Die zungenlose Philomela webt ihr

Leid in ihr Kleid. Das Textkleid wird der Schwester zur

zweiten Haut

Dann nimmt Prokne Rache am Geliebten, der die Schwester geschändet und verstümmelt hat

Zur Strafe setzt sie Tereus den eigenen Sohn,

geköpft und gekocht, zum Essen vor

Textur. Haut. Das zarte Fleisch, das grobe Fleisch,

Muskeln und Hautzellen, Nerven und Sehnen,

alles verwoben

 

 

Schreibmaschine

schreibmaschine

Typewriter